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FinTechs in Deutschland: Neue Partner der Banken

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Die digitale Transformation macht auch vor dem traditionellen Bankensektor nicht halt. Der Wandel zwingt traditionelle Geldinstitute dazu, neue Wege zu gehen. Hierbei können Finanz-Startups, sogenannte Fintechs, könnten der Schlüssel dazu sein. 

Hanseatic Bank erfindet Mahnwesen neu

Wer bei der in Hamburg ansässigen Hanseatic Bank, einer Tochter der französischen Société Générale, seine Kreditraten nicht zum festgelegten Zeitpunkt begleicht, erhält seit Januar 2019 eine Zahlungserinnerun direkt durch die Hanseatic Bank App. Dadurch gelangt man direkt zur bankeigenen Internetseite um den überfälligen Betrag mit Hilfe verschiedenerZahlungsmöglichkeiten zu begleichen. Laut einem Test der Experten von Universal Hires bietet die Hanseatic Bank mit ihrer GenialCard die wohl beste kostenfreie Kreditkarte im deutschen Markt.

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Zahlungsaufforderung der Hanseatic Bank mit Hilfe von CollectAi | © collectAI GMBH

Bankchef Michel Billon erklärt in einer Pressemitteilung von CollectAi, dass diese Maßnahme ein weitere Schritt der Hanseatic Bank zur digitale Transformation sei. Mit Hilfe der Digitalisierung des Mahnwesens habe das Bankinstitut Effizienz seiner offenen Forderungen erhöht, gleichzeitig jedoch auch die Zufriedenheit aufgrund gestiegener Transparenz verbessert. Die neue digitale Lösung der Hanseatic Bank stammt ursprünglich von Collect AI, einem Fintech Unternehmen mit Sitz in Hamburg. 

Mehr Zusammenarbeit zwischen Banken und Fintechs

Die Zusammenarbeit zwischen traditionellen Banken und Startups aus der Finanzindustrie, auchFintechs genannt, war nicht immer selbstverständlich. Diese jungen Unternehmen galten lange Zeit als direkte Konkurrenten der klassischen Finanzindustrie und wurden häufig mit Begriffen wie Kryptowährung und Bitcoin gleichgesetzt. In den vergangenen Jahren wandelte sich das Verhältnis zunehmend woraus aus einstigen Wettbewerbern plötzlich Partner wurden. 

Nach einer aktuellen Umfrage der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC haben 88 Prozent der Kreditinstitute die Zusammenarbeit mit FinTechs fest in ihre Digitalisierungsoffensive integriert. Der Grund dafür ist, dass der digitale Wandel in vollem Gange ist und das Bankgewerbe gezwungen ist, sich neu zu erfinden. Langfristig dürften die traditionelle branchenbezogene Kundenberatung, das Finanz-Know-how und administrative Aufgaben an Bedeutung verlieren.

Rasanter Fortschritt im globalen Finanzsektor

Schon heute versuchen Technologiekonzerne wie Amazon und Google, klassische Bankdienstleistungen, etwa im Zahlungsverkehr, zu übernehmen, warnte die EU-Bankenbehörde EBA im Juli. Jüngstes Beispiel dafür ist Google, welches im vergangenen Jahr eine neue Funktion der Gmail-App für US-Kunden freischaltete, mit der neben Fotos und Dokumenten auch Geld per Smartphone verschickt werden kann.

Die EBA ist auch der Ansicht, dass die Banken sich bemühen müssen, im Wettkampf mit neuen Anbietern nicht ins Hintertreffen zu kommen. In zwei Berichten hat die europäische Aufsichtsbehörde die Chancen und Risiken des digitalen Wandels für die Banken untersucht. Die Behörde sieht die Zusammenarbeit mit FinTech-Firmen als eine Möglichkeit, diesen Wandel zu meistern. Durch den rasanten technologischen Wandel nimmt aber auch der Wettbewerb innerhalb der Bankenbranche zu.

Auch deshalb sind die großen Finanzinstitute besorgt und suchen nach dem wachsenden Geist der Fintech-Kultur, um ihre eigene Digitalisierung voranzutreiben. Insbesondere, weil die Beratungsqualität mit der Integration von FinTech-Neuentwicklungen zum Beispiel in der Anlageberatung - steigen kann. Ein Repräsentant der Asset Management Bank Ginmon betonte, das Künstliche Intelligenz und Algorithmen einen viel besseren Job machen können als menschliche Berater. Mit einem strikten Technologiefokuss sind klasssiche Banken weiterhin in der Lage, traditionelle Anlageberater zu schlagen. So werden Themen wie Pensionsplanung, Liquiditätsmanagement und Vermögensallokation in Zukunft zunehmend von künstlicher Intelligenz übernommen oder zumindest unterstützt.

Dies ist einer der Gründe, warum fast alle großen Finanzinstitute in Deutschland mit Ausnahme der Bayerischen Landesbank und der Landesbank Baden-Württemberg inzwischen mit FinTechs zusammenarbeiten. Die Banken erhoffen sich darausvon den digitalen Produkten und Dienstleistungen von FinTechs eine bessere Ausrichtung auf die Kundenbedürfnisse und eine Optimierung ihrer internen Prozesse. Im Umkehrschluss erhalten die Fintechs Zugang zur breiten Kundenbasis der Banken.

Investition von Banken in neue Technologien

Gelegentlich werden FinTechs auch direkt von Banken gekauft und in die Unternehmensstruktur eingegliedert. Die Commerzbank zum Beispiel hat sich über ihre Tochtergesellschaften Commerz Ventures und Main Incubator an mehr als fünfzehn FinTechs beteiligt. Bei Investitionen über Commerz Ventures verhält sich die Commerzbank wie ein klassischer Venture Capitalist. 

Ihr Ziel ist es, die Anteile nach einigen Jahren zu verkaufen, um eine möglichst hohe Rendite zu erzielen. Der Main Incubator hingegen will die Fintechs schon kurz nach ihrer Gründung unterstützen und finanzieren, arbeitet aber auch mit ihnen zusammen. Die Deutsche Bank beteiligt sich an sechs FinTechs, mit denen sie auch zusammenarbeitet.

Auch die neu gegründeten FinTechs positionieren sich zunehmend als Dienstleister für Banken. Während in der Vergangenheit Kundenprodukte wie Sparen und Kredit im Vordergrund standen, ist die Zusammenarbeit zwischen Banken und FinTechs heute viel breiter. FinTechs haben sich in diesem Zusammenhang erfolgreich als B2B-Anbieter etabliert und übernehmen infrastrukturelle Aufgaben oder spezialisierte Dienstleistungen.

Probleme bei Kooperationen zwischen Banken und Fintechs

Dennoch gibt es auch Hindernisse für die Zusammenarbeit zwischen Banken und FinTechs. In erster Linie sind die kulturellen Unterschiede zwischen traditionellen Finanzinstituten und jungen Start-ups. Auch gibt es regulatorische Anforderungen, wie z.B. die Anforderungen an das Outsourcing nach den Mindestanforderungen an das Risikomanagement (MaRisk), die von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) festgelegt worden sind. 

Anforderungen aus Datenschutzvorschriften und dem Bankgeheimnis erschweren die Zusammenarbeit ebenso wie die häufig veralteten IT-Systeme der Banken, die nach Ansicht FinTechs die Integration neuer Technologien behindern. Die Bankenlandschaft ist jedoch im Wandel, und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich modernste Technik und modernes Denken überall durchgesetzt haben.

Wie sich die Rolle des Beraters angesichts der verstärkten Kooperationen der Banken mit FinTechs verändern wird, ist jedoch nicht nur von der technischen Entwicklung und dem kulturellen Wandel innerhalb der Banken abhängig. Vielmehr hängt die Entwicklung davon ab, inwieweit die Kunden eine menschliche Komponente brauchen. Das Ziel der künstlichen Intelligenz ist es, dort zum Einsatz zu kommen, wo die Technologie einen quantitativen Mehrwert bieten kann.


"Certus Bank" by Greenville, SC Daily Photo is licensed under CC0 1.0

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