März 2017 Tag zurueck 27.

15.02.2017 - 22:41 | Stadtmitte | Über Rostock > Stadtgeschichte  > Rostocker Lektor und Schriftsteller

Heinrich Waldemar Ehlers

Heinrich Waldemar Ehlers (1921-1988) war ein deutscher Schriftsteller, Romanautor und Erzähler der Gegenwartsliteratur, Essayist und Verlagslektor, geboren am 5.12.1921 in Gehlsdorf (Rostock), gestorben am 23.6.1988 in Graal-Müritz. Der Vater, Otto Ehlers, war Landarzt, die Mutter, Magdalene Ehlers, geb. Gehrke, Pianistin, sie arbeite als Klavierlehrerin.

Die frühen Jahre

Heinrich Ehlers wuchs als ältester von drei Brüdern in einer Landarztfamilie auf. Der Vater hatte sich in Gehlsdorf,  bei Rostock, als Kassenarzt niedergelassen und betrieb dort eine gutgehende Praxis, die der Familie ein sorgenfreies Leben ermöglichte. 1932 starb der Vater und die Mutter musste ihre drei Söhne allein durchbringen. Sie verdiente sich ihr Einkommen als Klavierlehrerin. Im Elternhaus Ehlers verkehrten Künstler, vor allem Musiker, die der Familie nahestanden. Darüber hinaus übten die in der Nachbarschaft lebenden Künstler und Schriftsteller einen nachhaltigen Einfluss auf die Kinder aus, unter anderem die Persönlichkeit des Malers Thuro Balzer, sowie Georg Kaulbach und der Romanautor und Historiker Paul Babendererde. Heinrich Ehlers besuchte in den ersten drei Jahren eine private Vorschule und dann die Grosse Stadtschule in Rostock, dort bestand er 1939 sein Abitur. Im selben Jahr wurde er zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und arbeitete als Nieter in den Flugzeugwerken Heinkel, danach folgte im Januar 1940 der Eintritt in die Wehrmacht. Da er nicht als Soldat in den Krieg ziehen wollte, meldete er sich zum Medizinstudium. Aus persönlicher Neigung hätte ihm ein Musik- oder Kunststudium näher gelegen. Nach abgelegtem Physikum nahm er von 1942 bis 1943 als Sanitäter im Feldzug um Stalingrad teil, dort zog er sich eine Verwundung zu, nach dem Genesungsprozess setzte er sein Studium in Giessen fort, wo er Kontakt mit Kriegsgegnern und humanistisch gesonnenen Kommilitonen hatte, die den Faschismus aus moralischen Gründen ablehnten. Weil er nicht finanziell von seiner Mutter abhängig sein wollte, arbeitete er als Organist, Kammermusiker und Klavierstimmer, was ihn mit christlichen Kreisen in Berührung brachte, die nicht in Übereinstimmung mit dem offiziellen Bekenntnis der Deutschen Christen standen, sondern sich zur Bekennenden Kirche hielten. 1944 musste er Giessen verlassen, nachdem ihm die Nähe zu Systemgegnern eine Relegierung von der Universität einbrachte. Er setzte sein Studium in Leipzig fort. 1945, bei Kriegsende, arbeitete Heinrich Ehlers als Hilfsarzt im Stadtkrankenhaus Oschatz. Er hatte Anfang desselben Jahres ein Kriegsexamen abgelegt, in dem die Fachbereiche Gynäkologie und Pädiatrie nicht vertreten waren, deswegen war eine volle Anstellung als paktizierender Arzt nicht möglich. Er hat nie versucht, dieses Notexamen zu vervollständigen, sondern sich nach einem neuen Wirkungsbereich umgesehen. Das war einer der Gründe warum er in den Lehrberuf wechselte. 1946 trat Ehlers in Levenhagen bei Greifswald seine erste Stelle als Neulehrer an. Darüber hinaus war er alleinerziehender Vater. In Oschatz hatte er seine erste Frau, Elisabeth, kennengelernt, sie starb 1947 an Tuberkulose. Aus dieser Ehe ging der Sohn Dietrich Ehlers hervor, der später Philologe für klassische Sprachen wurde und heute bekannt ist durch Übersetzungen alter griechischer Dichter und Philosophen, herausgegeben vom Hermann Diels Verlag[1].

Nach zweijähriger Tätigkeit in Levenhagen bewarb sich Ehlers 1948 auf die Stelle der Grundschule in Wolgast. Dieser Lebensabschnitt war bedeutend für seine geistige und politische Entwicklung. Er lernte dort unter anderem den Maler und Kunsterzieher Herbert Wegehaupt kennen, der in Greifswald an der Universität Kunsterziehung unterrichtete und auf Usedom sein Atelier hatte. Durch ihn bekam Ehlers Kontakt zu Künstlern der Region und begann sich auch selbst künstlerisch zu betätigen. Aus dieser Zeit reicht die langwärige freundschaftliche Beziehung zu Luise Wegehaupt, der Witwe Herbert Wegehaupts, und deren Kinder, besonders aber zu Matthias Wegehaupt, der sich heute um das künstlerische Erbe seines Vaters bemüht[2]. Ein anderes einschneidendes Erlebnis in Wolgast war der Kontakt zu Werftarbeitern der Peenewerft, die Ehlers in einem Zirkel schreibender Arbeiter betreute. Die Begegnung mit jenen Arbeitern eröffnete ihm eine neue Perspektive des politischen Verstehens und half ihm, die Entstehung des Faschismus in Deutschland neu zu begreifen. Die Folge dieser Erkenntnis war, dass ein isoliertes Dasein nicht helfen konnte, die Dinge zu verändern. Aus dieser Überlegung heraus wurde Ehlers 1948 Mitglied der SED, der Sozialistischen Einheitspartei, die sich im Ostsektor des Nachkriegsdeutschlands aus der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Sozialdemokratischen Partei gebildet hatte. Parallel zu seiner Anstellung als Lehrer studierte er im Fernstudium am Lehrerinstitut Greifswald Erziehungswissenschaft im Fachgebiet Deutsch und legte 1949 seine erste Lehrerprüfung ab. 1952 folgte dann die zweite, damit war ihm die Möglichkeit eröffnet, auch an Oberstufen Deutsch und Musik zu unterrichten. Es folgen Jahre, in denen das berufliche Fortkommen auch persönliche Umbrüche mit sich brachte. Von 1952 bis 1954 war er Fachlehrer für Deutsch an der Oberschule in Bad Doberan und von 1954 bis 1960 lehrte er als Deutschlehrer der Oberstufe an der Oberschule Sanitz. In diese Zeit fällt die Ehe mit Erika, aus der zwei Töchter hervorgehen: Susanne und Charlotte.

Die Arbeit an der Internatsschule in Sanitz erwies sich als zunehmend beengend, weil der Lernstoff weitgehend reglementiert und die Aufsicht vonseiten der Schulbehörde für ihn nicht mehr tragbar war. Ehlers beantragt aus gesundheitlichen Gründen den Ausschluss aus dem Schuldienst und sucht sich einen neuen Wirkungsbereich.

Die Zeit im Verlag 1960-1979

Ab 1960 arbeitet er als Korrektor und später als Entwicklungslektor im Hinstorff Verlag Rostock. Dieser Verlag war neben dem Aufbau Verlag Berlin/Weimar einer der bedeutesten zur Förderung und Verbreitung von Texten junger Autoren und Autorinnen in der DDR. Viele von ihnen erlangten später Bekanntheit nicht nur innerhalb Deutschlands sondern auch im Ausland, wie zum Beispiel Jurek Becker, Heinrich Fries, Ulrich Plensdorf, Franz Fühmann und viele andere. Ursprünglich konzentrierte sich der Hinstorff Verlag auf die Regionalliteratur Mecklenburgs und Vorpommerns. Er wurde 1831 von Detloff Carl Hinstorff als Buchhandlung gegründet und konnte sich langsam als Verlag entwickeln, der sich um die Werke in plattdeutscher Sprache wie etwa die Bücher von Fritz Reuter, John Brinkman und Rudolf Tarnow, sowie um Seemannsliteratur, Werke volkstümlicher Art und Kalender bemühte. Seit 1907 wechselte der Verlag den Besitzer, jetzt übernahm Peter Erichson die Einrichtung. Ihm gelang es durch Geschick, den Verlag über die Kriegswirren hindurch zu retten, jedoch verkaufte er ihn 1959 aus Altersgründen an das Kulturministerium der DDR. Unter der neuen Leitung blieb der Bereich der Regionalliteratur zwar erhalten, aber es kamen neue Sparten hinzu wie die Literatur junger Autoren und Übersetzungen skandinavischer Schriftsteller. Als Heinrich Ehlers 1960 in den Verlag eintritt, übernimmt er dort zunächst die Betreuung der Klassikerausgaben Fritz Reuters und John Brinkmans. Hier beginnt die enge Zusammenarbeitet mit dem Cheflektor Kurt Batt. Unter seiner Anleitung wird ihm nach und nach die Aufgabe eines Entwicklungslektors übertragen, dessen Funktion vor allem darin bestand, jungen noch unbekannten Autoren auf den Weg zu helfen. Im persönlichen Bereich folgen Jahre mit wechselnden Beziehungen, seine Töchter Grit Hadler und Ulrike Dauderstädt werden geboren, und schliesslich, Daniel Ehlers, Ergebnis der Ehe mit Ingrid Koschnitzki, die im Verlag als Voluntärin während ihres Germanistikstudiums arbeitete und dann wissenschaftliche Mitarbeiterin des Stadtarchivs Rostocks wurde. Darüber hinaus hat Ehlers während seiner Arbeit im Verlag viele Freundschaften mit Autoren geschlossen, wie zum Beipiel zu Franz Fühmann, Erika Richter, zu seinem Kollegen Jürgen Frohriep und Renate Heincke und vielen anderen mehr.

Neben der Arbeit im Verlag hat er den Zirkel schreibender Volkspolizisten betreut und an unterschiedlichen kulturpolitischen Aktivitäten teilgenommen. Ihm wurde im Verlag mehrmals die Funktion des Parteisekretärs übertragen. Trotz all dieser Tätigkeiten war er kein systemkonformer Mensch, sondern stand der Kulturpolitik der DDR kritisch gegenüber und wusste die künstlerischen Arbeiten seiner Autoren vor den zuständigen Instanzen zu verteidigen[3]. Ein wichtiges Argument für ihn war, dass die Mentalität des neuen Bürgers, den man in der DDR anstrebte erst wachsen muss und dass dies ein langwäriger Prozess ist. Eine authentische Literatur kann keine programatische sein, die dem Leser etwas vorspiegelt, was er nicht selbst mit eigener Erfahrung abdecken kann. Eine Literatur, die auf Veränderung hinarbeitet, muss die Konflikte des Alltags in ihrer ganzen Tragweite zum Ausdruck bringen und ehrlich sein. Es hat oft schwere Auseinandersetzungen gekostet bis ein Manuskript endlich zum Druck kam. Es ist eines der Verdienste Heinrich Ehlers, sowie des Cheflektors Kurt Batt, dass viele kritische Arbeiten an die Öffentlichkeit gelangten und sich der Hinstorff Verlag als Verlag junger Autoren international profilieren konnte. Als Kurt Batt starb und der neue Cheflektor Harry Fauth an seine Stelle trat, war die Zusammenarbeit konfliktreicher und Heinrich Ehlers konnte nicht mehr mit der Unterstüzung rechnen, die er unter der Führung Batts bekam. Aber auf jeden Fall brachte ihn die Arbeit im Verlag seinem Ziel näher, sich an eigene Texte zu wagen. Es vergingen einige Jahre bis er diese dann in rascher Folge vorlegte. Im Jahre 1979 scheidet Ehlers aus dem Hinstorff Verlag aus um sich als Schriftsteller selbständig zu machen, im selben Jahr wird er in den Schriftstellerverband Rostock aufgenommen.

Werk

Heinrich Ehlers begann als fast Sechzigjähriger mit eigenen literarischen Texten. In früheren Jahren hat er eher literaturkritische Artikel verfasst, so einen Aufsatz über Erzählungen von Franz Fühmann[4] oder Vorworte und Kommentare in den Gesamtausgaben Fritz Reuters sowie John Brinkmans. 1979 schloss er das Manuskript zu „Hanna Mahler-Aufzeichnungen einer jungen Frau“, ab. Als das Buch dann 1980 veröffentlicht wurde, kam es schnell zu zwei Nachauflagen. Das zentrale Thema Ehlers ist das Problem zwischenmenschlicher Beziehungen. In gewisser Weise finden wir uns vor einer Variante der Wahlverwandschaften wieder. Hanna Mahler, die Protagonistin des Buches, ist eine junge Frau, die als Tierzüchterin in einem landwirtschaftlichen Betrieb arbeitet und mit ihrem Jugendfreund, Paul, und dem gemeinsamen Kind zusammenlebt.

Als Hanna sieben oder acht Jahre alt ist, trennen sich ihre Eltern. Der Mutter wird das Sorgerecht zugesprochen und Hanna lebt nun in einer grossen Wohnung, in der ständig Besuch empfangen wird und sich niemand um sie kümmert. Sie verweigert sich dem Lebensstil ihrer Mutter und des neuen Mannes und gilt als gestörtes Kind. Aus dieser Situation heraus nimmt der Vater sie zurück in seinen Haushalt. Damit beginnt ein neuer Lebensabschnitt in dem Hanna sich als Mensch, der sie sein will, entwickeln kann. Die Handlung des Romans setzt ein mit der Reflexion über das Verhältnis zu ihrem Vater, nachdem dieser gestorben ist. Hannas Entwickung vollzieht sich in dem Maasse wie ihr die Freiheit gewährt wird, an sich die Eigenschaften zu entfalten, die aus ihr selbst kommen, ohne Erwartung, in vorgeformte Verhaltensweisen zu schlüpfen, die nicht ihrem Wesen entsprechen.

Das Experiment neue Verhältnisse zwischen Menschen zu beschreiben, die aneinander interessiert sind und harmonisch miteinander leben, ist nicht frei von Klischees. Sie rühren vor allem aus der Typisierung zugeteilter Rollen von Mann und Frau her. Wir können an dieser Stelle schon vorwegnehmen, dass in den Texten Heinrich Ehlers die Frage der traditionellen Rollendefintion und damit verbunden die der bürgerlichen Ehe und ihrer Zwänge eine wichtige Rolle spielen. Leider trägt der Autor nicht wirklich dazu bei, diese Definition neu zu bestimmen, weil er die Funktion und die Entstehung des Patriarchats gänzlich ausser Acht lässt und eher empiristisch und darum sicherlich unbeabsichtigt, wieder in die alte Geschlechtertrennung verfällt. Das Ergebnis ist ein vorgestelltes Bild des zwischenmenschlichen Verhaltens ohne zu reflektieren, dass es zugleich auch ein gesellschaftlich bestimmtes ist und damit niemals frei von Herrschaftsanspüchen an den anderen Menschen und dies selbst in einer sozialistischen Gesellschaft, die ja schon neue Strukturen aufweist. Das Verhalten von Lisa etwa oder den Ehefrauen in „Hamans Haus“ sind Produkt einer Erziehung, die noch von bürgerlichen Verhaltensweisen herkommen und nicht nur mit den Launen der jeweiligen Protagonistinnen zu erklären sind. Sie sind Ergebnis des alten Rollenschemas, das ihnen anerzogen wurde.  Die aufgeführten Personen kommen uns überzogen vor, sowohl in ihren negativen als auch in ihrer positiven Form. Ehlers beschreibt in seinen Büchern das Ideal der Frau als Liebende, Einfühlsame oder intuitiv Verstehende, dem steht die garstige Alte oder die egozentrische Lisa mit ihren Launen gegenüber. Diese Extreme lassen kaum Zwischentöne zu, und dies, obwohl Ehlers sehr darum bemüht ist, den Begriff vom Menschsein unabhängig von der Geschlechtszugehörigkeit zu entwickeln.

Neben dem Interesse am zwischenmenschlichen Zusammenleben geht es ihm auch um Probleme der DDR-Gesellschaft, die aus der Sicht Hanna Mahlers reflektiert werden, hier beispielsweise die Situation in der Schule und später in ihrem landwirtschaftlichen Betrieb. Ideal und Wirklichkeit werden einander gegenübergestellt. Der Vater als Lehrer im Ruhestand versucht zu korrigieren was in der öffentlichen Erziehung falsch gelaufen ist und verleiht Hanna zugleich die Sicherheit, auf ihre eigene Kraft zu vertrauen und sich nicht verbiegen zu lassen. Hanna wird so zum Vorbild für alle diejenigen, die in einfachen Dingen des Lebens ihr Glück suchen. Diese Motive werden in den Erzählungen „Königskinder“ (1981) wieder aufgenommen.

In „Hamans Haus“ (1981) geht es um die Ärztin Esther Palm, die ihre vielversprechende Karriere in einer Grossstadtklinik abbricht und eine Stelle in einem Landambulatorium annimmt, weil sie glaubt sich so besser verwirklichen zu können. Ihre Geschichte ist durchwoben von der faschistschen Vergangenheit Deutschlands. Ihr Vater ist ein aus dem KZ entflohener Häftling, dem später die Umsiedelung nach Israel gelingt, kann dort aber nicht Fuss fassen. Die Mutter stirbt in den Nachkriegswirren an einer nicht genauer beschriebenen Krankheit. So wächst Esther Palm in einem Waisenhaus auf. Nach ihrem Medizinstudium spezialisiert sie sich als Internistin, promoviert und wird als Auslandskader vorgeschlagen. Als den Behörden bekannt wird, dass sie jüdischer Herkunft ist, wird von ihrer Entsendung nach Palästina abgesehen. Das löst in ihr eine Krise aus, sie bittet um ihre Entlassung aus der Klinik um in der Provinz etwas Neues zu beginnen. Wie es der Zufall will bekommt sie an ihrem neuen Ort eine Wohnung in einem Haus des ehemahligen SA-Mitglieds und Handwerkmeisters Brand. Der begreift intuitiv, dass mit Esther etwas anders ist als mit den Frauen des Dorfes. Er ruft ihr kaum hörbar ein Schimpfwort aus der Nazizeit nach.

Der Roman besteht aus verschiedenen Handlungsebenen: auf der ersten geht es um Esther Palm und ihrer Eingewöhnung in ihre neue Arbeit, auf der nächsten um das Schicksal ihrer Eltern, besonders aber des Vaters, Sigesmund Grodotzki, von dem Esther nur aus Briefen und offiziellen Unterlagen Kenntnis hat. Als dritte Ebene, oder vielleicht sollte man besser sagen als dritter Bezugzgpunkt greift der Autor auf die biblische Erzählung des Estherbuches zurück, vor dessen Hintergrund er die Geschichte Esther Palms erzählt. Von daher ist auch der Titel des Buches „Hamans Haus“ zu verstehen. Nach dieser Geschichte ist Haman der Verfolger der Juden in persischer Zeit. Esther, eine hübsche Jüdin, wird vom Perserkönig Ahasver auserwählt und heiratet ihn, nachdem jener seine erste ungehorsame Frau ausgestossen hat. Am Hofe Ahasvers hat der Jude Mordechai eine Funktion als Ratgeber zugeteilt bekommen, als Lohn für die Bewahrung vor einem tödlichen Anschlag den man gegen Ahasver verübte. Mordechai befielt Esther, ihre  jüdische Herkunft geheim zu halten. Haman, ebenfalls Ratgeber am Hofe, rät Ahasver die Juden in seinem Reich zu verfolgen und zu töten. Mordechai erfährt von dem Plan und weiht Esther ein, diese wiederum erreicht, dass Ahasver ihr einen Wunsch erlaubt, so bittet sie ihn, Haman zu töten wegen seiner Bosheit gegenüber den Juden. Ahasver gewährt ihren Wunsch. Auf diese Weise wird das Volk der Juden gerettet. Diese Geschichte dient dem Autor als Erzählhintergrund, wobei er den handelnden Personen seines Romans eine Rolle der biblischen Geschichte spielerisch zuteilt. Der Hausvermieter Brand ist Haman, der Künstler und ältere Freund, Artur Bach, steht in Bezug zu Mordechai, auch der Vater Sigesmund Grodotzki hat Funktionen von Mordechai und lässt sich als er nach Israel emigriert auch so nennen. Ahasver ist sowohl Esthers Chef Mommer, als auch Hermann Brand, der sich in Esther verliebt und sie vor Brand, dem Vater Hermanns, rettet.

An dem Roman „Hamans Haus“ können wir eine weitere Eigenart des Autors explizieren. Um seinen Figuren Glaubhaftigkeit zu verleihen, lässt er sie in ihren Kategorien denken, die von ihrem beruflichen Leben bestimmt sind. Esther Palm als Ärztin denkt ganz streng in wissenschaftlichen Begriffen, auf der Erzählerebene wird erklärt was sie bedeuten. Es haftet diesen Erklärungen und Definitionen, die dem Erzählfluss eher schaden als die Handlung voranzubringen, Kompendiumcharakter an, die besserwisserisch anmuten. Auch der Einschub über die Ereignisse um Sigesmund Grodotzki, die einer Reportage eigentlich näherkommen, wären als auserzählte Handlung dem Roman zuträglicher gewesen und hätten für mehr Dichte gesorgt. Die Ereignisse selbst sind so dramatisch, dass sie einen guten Ausgangspunkt für eine dynamische Erzählung hergegeben hätten. Nach unserem Eindruck hat der Autor die Chance verpasst, nicht nur das Interesse des Lesers wachzuhalten, sondern damit auch eine Form zu finden, heutigen Lesern den Zugang zur Vergangenheit lebendig zu machen. Statt dessen hält er ihn mit trockenen Fakten hin und zwingt ihn, sich mühsam durch diese Geschichte hindurchzuarbeiten.

Der hallenser Literaturkritiker, Rüdiger Bernhardt, schlägt in seiner Reszension zu „Hamans Haus“ vor, den Zugang zum Roman im menschlichen Bedürfnis des sich Bilder machens in bezug auf den anderen Menschen zu suchen[5]. Esther macht sich ein Bild von dem Neuen, das sie umgibt, um es zu ergründen, während Herman Brand schon fertige Bilder von den Menschen seiner Umgebung im Kopf hat, denn er hat jahrelang Umgang mit ihnen gehabt. Durch den Kontakt mit Esther bekommt er neuen Zugang zu diesen Menschen und muss sein Bild von ihnen korrigieren. Diese gegensetzliche Bewegung schafft Spannung in der Handlung und zeigt zugleich wie sich die beiden Figuren Esther und Hermann auf einander zubewegen. Daneben spielen auch richtige Bilder eine wichtige Rolle. Artur Bach ist Maler, seine Kunst wurde im Dritten Reich als entartete Kunst verfemt. Seine Bilder zeigen nicht nur konkrete Menschen, sondern auch die Idee, die wir vom Menschsein insgesamt haben. Auch die ineinander versetzten Geschichten, die wir oben als die Erzählebenen bezeichnet haben, sind Spiegelungen, also Bilder, die helfen die Gegenwart vor dem Hintergrund der Vergangenheit zu verstehen und diese nicht als abgeschlossene Handlung, sondern mit Nachwirkungen für die Gegenwart und zugleich deren Öffnung in eine sie erweiternde Dimension, vor der man Gegenwart deutet und versteht. Sich ein Bild vom anderen machen ist eine Form des Verstehens, wobei die gedachten Bilder der Person entsprechen können oder aber sie falsch deuten. Es bleibt am Ende die Botschaft, dass Kunst das Bild vom Menschen wachhält. Der Autor führt uns Menschen vor, die in historisch konkreten Situationen Entscheidungen treffen müssen: für das Menschliche oder dagegen. Die Kunst ist demnach nicht nur ein Zeitvertreib und etwas um unser Dasein zu verschönen, -also eine rein ästhetische Aufgabe-, sie übernimmt nach Ehlers auch ethische und philosophische Funktionen, um die Vorstellung die wir vom Menschsein haben, zu erweitern.

Das zentrale Thema des Romans „Die letzten Jahreszeiten“ (1985) ist die Frage was Kunst angesichts einer realen Bedrohung des Untergangs der Menschheit leisten kann. Heinrich Ehlers kontrastiert hier das Idyll mit der Katastrophe eines möglichen Atomkrieges. Der Protagonist des Romans Paulus Monk und der Erzähler der Ereignisse sind Künstler. Musiker der eine, Autor utopischer Literatur der andere. Nachdem Monk seine Laufbahn als Musikprofessor an einer Universität beendet hat, entschliesst er sich seinen Ruhestand zurückgezogen in der Provinz zu verbringen. Dort beginnt er Sonnette von William Shakespeare zu vertonen. Am Klavier begleitet probiert er seine Vertonungen mit einer Altstimme, was seine Nachbarn verwundert zur Kenntnis nehmen und so auch noch nicht gehört haben. Je mehr Monk sich in seine Arbeit vertieft, um so weiter entfernt er sich von seinen Mitmenschen, und dies auch räumlich, denn er unternimmt eine Reise in den anderen Teil Deutschlands, in eine andere Provinz, die er die gefährliche nennt, weil dort das Idyll ganz schnell in Agression umschlagen kann. Der Anlass der Reise ist eine Einladung zu einem Vortrag über „Musik und Katastrophenbewusstsein“ in einem Kurort an der Nordsee. Da seine Zuhörer dem gehobenen Bildungsbürgertum angehören und Monk ihnen Problematisches zumutet, endet sein Vortrag in einem Fiasko. Der eigentliche Grund der Reise ist aber eine Wiederbegegnung mit Freunden aus Studententagen. Monk erkrankt auf seiner Reise und muss länger bleiben als geplant, dies ermöglicht ihm, tiefer in das Geflecht der Beziehungen der Menschen mit ihrer Gesellschaft einzudringen. So kehrt er sowohl angeregt als auch verstört zurück und gibt seinen Vertonungen eine andere Dimension.

Der Roman lebt von den Spiegelungen, die sowohl Personen als auch die Handlungen erfahren. Wie in den vorhergehenden Romanen hat jede Person ihre Entsprechung in einer anderen, so dass es zu einer kreuzweisen Verknüpfung von Personen und Handlung kommt. Uns erscheint, dass dies die charakteristische Erzählstruktur des Autors ist. Im Zentrum der Handlung stehen Ereignisse aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges die aus Paulus Monk den Künstler gemacht haben. Das Klavierspielen hat er bei seiner Tante Hedwig gelernt, der unverheirateten Schwester seines Vaters. Sie wird als strenge und unsympathische Frau dargestellt. Als Paulus Monk sich für den Ruhestand in ein Dorf am See zurückzieht, taucht dort ebenfalls eine Hedwig auf, es ist die Frau seines Nachbarn Heilmann, die misstrauisch, neugierig und bösartig ist. Paulus Vorbild und eigentliche Lehrer war der blinde Organist und Klavierstimmer Johanaan, der, um sich bei den Predigten im christlichen Gottesdienst nicht zu langweilen, sich mit Kognak tröstet, denn von Hause aus war Johanaan Jude ohne Beziehung zum Inhalt des Christentums. Neben den Anspielungen zu anderen literarischen Stoffen, wie zum Beipsiel dem Versuch, Jesus in Form von Hans in die heutige Zeit zu versetzen, oder uns die Visionen des Profeten Ezechiels näherzubringen, sowie der zentralen Bedeutung der Sheakespeare Sonette mit ihrem Verweis auf die weisse oder schwarze Lady, erhöht der Autor seinen Stoff durch die Fähigkeit einiger seiner Protagonisten, übersinnliche Kräfte zu besitzen, wie Visionen, sich mit Tieren oder Menschen zu kommunizieren, die eigentlich nicht mehr anwesend sind. Dies dient ihm dazu, die Kraft der Musik vorzustellen, die ja nicht in einer rein nützlichen Dimension erscheint. Das Innere soll nach aussen gekehrt werden und braucht ein Medium dafür, das können Menschen sein, die uns gut tun, das kann Alkohol sein oder manchmal auch ein Leiden. Paulus Monk leidet an Epilepsie, seine Anfälle enden in Visionen, man kann auch sagen, Paulus Monk hat sich sein Leiden fruchtbar gemacht und setzt Vision gegen Katasprophe, und das ist der Grund warum er Musiker wird. Wieder geht es darum, dass Kunst keine rein ästhetische Funktion besitzt, sondern bei der Bewältigung unseres Lebens hilft, indem sie Kräfte freilegt, die uns darin unterstützen, über uns hinauszuwachsen und Alternativen in den Blick zu bekommen.

Katastrophenbewusstsein ist eine Begleiterscheinung millenaristischer Bewegungen, die eigentlich Utopien anstreben. Aus dem Bewusstsein heraus, dass unser Leben von Ungerechtigkeit und Mangel beherrscht ist, also nicht die beste aller möglichen Welten darstellt, glauben sie, dass die alte Welt verschwinden muss, damit eine neue entstehen kann. Deswegen wird die Katastrophe bei ihnen als etwas Positives gesehen, während wir heute, die wir jederzeit einer realen Katastrophe durch Krieg oder Klimawandel ausgesetzt sind, alles dafür tun müssen um eben diese Katastrophe zu vehindern. Das Buch von Heinrich Ehlers will einen Beitrag dazu leisten, dies zu bedenken und eine Vorstellung zu bekommen was auf dem Spiel steht, wenn wir nicht alles daran setzen, zukünftige Kriege zu vermeiden.

 

Veröffentlichungen

Brinkman, John, Herr Lorenz bei Abukir/übersetzt aus dem plattdeutschen von Heinrich Ehlers, Rostock, Hinstorff Verlag, 1963

Ehlers, Heinrich, „Böhmen am Meer“-Erzähler und Erebnis, in: Sinn und Form, 1964, H. 3, S. 475 ff

Hanna Mahler, Aufzeichnungen einer jungen Frau, Erzählung, 1980

Königskinder, Erzählungen, 1981

Hamans Haus, Roman, 1982

Die letzten Jahreszeiten, Roman, 1985

Liebe zu Rostock, in: Mecklenburg. Ein Reiseverführer/hrsg. von Gerda Zschocke und Günther Drommer,  Rudolstadt, Greifenverlag 1985, S. 74-84

Mein Rostock, (Pseudonym Waldemar Heinrich) in: Die Ostsee. Natur und Kulturraum, Husum, Husum Verlag, 1985, S. 143-144

 

Auszeichnungen und Ehrungen

1957 Pestalozzi Medaille in Bronze, Rat des Kreises Rostock

1966 Urkunde für ausgezeichnete Parteiarbeit, Zentralkommitee der SED

1969 Urkunde für ausgezeichnete Leistungen, Hinstorff Verlag

1970 Medaille für ausgezeichnete Leistungen, Hinstorff Verlag

1972 Urkunde für ausgezeichntete Leistungen, Hinstorff Verlag

1973 Ehrenurkunde in Anerkennung der Parteiarbeit, Zentralkommitee der SED

Rezensionen

Kähler, Hermann, Die Tochter und das Tabu, Heinrich Ehlers: „Hanna Mahler – Aufzeichungen einer jungen Frau“, Rostock, Hinstorff Verlag, 1980: in Sinn und Form, (33), 1981, H. 4, S. 929-932

Bernhardt, Rüdiger, Die Aufgabe sich Bilder zu machen, Heinrich Ehlers: „Hamans Haus“, Rostock, Hinstorff Verlag, 1982; in: ich schreibe. Zeitschrift schreibender Arbeiter, 1983, 1, S. 89-91

Vorabdruck zu Hamans Haus in: Neue Deutsche Literatur (30) April 1982, S. 85-108

[1] Vergleiche, Dietrich Ehlers, Hermann Diels, Hermann Usener, Eduard Zeller, Briefwechsel. 2 Bde.Berlin: Akademie Verlag 1992; Dietrich Ehlers/Fritz Jürss, Aristoteles, Wiesbaden, Vieweg +Teubner, 1989

[2] Heinrich Ehlers ist Ehrengast in der Ausstellungseröffung im G.-W. Leipniz Klub in Leipzig der Werke Herbert Wegehaupts vom 8.5-2.6.1984

[3] Vergleiche Judith Mach, „Und verschwenden Sie sich nicht“. Die Korrespondenz Hans Joachim Schädlichs mit dem Hinstorff Verlag, in: Forschungen zur DDR Gesellschaft/hrsg. von Ulrich von Bülow und Sabine Wolf. DDR Litertur.Eine Archivexpedition im Auftrag des deutschen Literaturarchivs Marbach und der Akademie der Künste, Berlin

[4] Vergleiche Ehlers, Heinrich, „Böhmen am Meer“-Erzähler und Erlebnis, Sinn und Form, 1964, 3, S. 475 ff

[5] Vergleiche Bernhardt, Rüdiger, Die Aufgabe sich Bilder zu machen, Heinrich Ehlers: „Hamans Haus“, Rostock, Hinstorff Verlag, 1982; in: ich schreibe. Zeitschrift schreibender Arbeiter, 1983, 1, S. 89

 

Dorothea Ortmann

Artikel drucken

Weitere aktuelle Meldungen

Zahn ausgeschlagen

Ein 55-jähriger Beamter der Rostocker Polizei wurde am Mittwoch gegen 19 Uhr Opfer eines körperlichen Angriffs durch einen alkoholisierten Täter. //weiter

Nonstop ans Rote Meer

Die Germania nimmt Hurghada als neues Ziel in den Sommerflugplan auf und fliegt zwischen dem 3. Juni 2017 und 30. September 2017 immer samstags nonstop von der Ostsee zu dem bekannten Badeort am Roten Meer. //weiter

Forschen und publizieren

Der Verein für Rostocker Geschichte vergibt am 1. März zum ersten Mal den Karl-Koppmann-Ehrenpreis. Aber wer war Karl Koppmann? //weiter

Hoffmann holt Hansas Heimsieg

Das goldene Tor von Marcus Hoffmann beendet eine fast fünfmonatige Heimmisere des F.C. Hansa Rostock. Mit dem 1:0 (0:0) Sieg gegen den Hallschen FC wird auch der erste Punktedreier des neuen Jahres durch den Rostocker Drittligisten eingefahren. //weiter

„Kürzungspläne sind skandalös“

Die Philharmonische Gesellschaft Rostock e.V. setzt sich seit 1994 für den Erhalt der Norddeutschen Philharmonie und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für das Orchester ein. Mit Bestürzung haben die Musikfreunde die Kürzungspläne der Stadt und des neuen Intendanten Joachim Kümmritz zur Kenntnis genommen. Der Vorsitzende der Philharmonischen Gesellschaft Dr. Thomas Diestel äußert sich dazu im Interview, geführt von Anette Pröber. //weiter