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08.11.2016 - 19:09 | Region | Über Rostock > Stadtgeschichte  > Novembergeschichte

Der November – ein besonderer Monat in der Geschichte der Deutschen

Auf den 9. November fallen mehrere Ereignisse, die die deutsche Geschichte grundlegend geprägt haben. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gebrauchten daher verschiedene Historiker und Journalisten den Ausdruck „Schicksalstag“. Zu Recht, denn ein Blick auf die Zeittafel des 9. Novembers markiert mehr als einmal einen politischen Wendepunkt.

Noch einmal zum Verständnis Auszüge aus der deutschen Geschichte im November:

Deutschland am 9. November 1848: Der republikanische Parlamentsabgeordnete der Frankfurter Nationalversammlung Robert Blum wird standrechtlich erschossen. Zuvor war der Wiener Oktoberaufstand niedergeschlagen und die Immunität Blums aufgehoben worden. Mit der Hinrichtung dieses aufrechten Demokraten beginnt der Anfang vom Ende der Revolution 1948/49.

Deutschland am 9. November 1918: Der Matrosenaufstand hat sich von Kiel über das gesamte Reichsgebiet ausgebreitet. Die Novemberrevolution erreicht Berlin. Philipp Scheidemann ruft von einem Fenster des Reichstagsgebäudes die „Deutsche Republik“ aus. Einige Stunden später verkündet Karl Liebknecht, einer der Führungskräfte des Spartakusbundes, vom Berliner Stadtschloss aus die Räterepublik und nennt sie „Freie Sozialistische Republik Deutschland“. Nur zwei Monate später werden Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg von reaktionären Freikorps ermordet.

Deutschland am 9. November 1923: Adolf Hitler, der bis dahin kaum bekannte Parteichef der NSDAP, scheitert mit seinem Putschversuch vor der Münchner Feldherrnhalle. 16 Todesopfer fordert dieses Ereignis. Hitler wird zu fünf Jahren Festungshaft verurteilt, aber bereits nach neun Monaten wegen guter Führung aus der Haft entlassen. Während der Nazizeit gedachte man am 9. November der sogenannten „Blutzeugen der Bewegung“.

Deutschland am 9. November 1925: Auf Hitlers Anordnung wird die Schutzstaffel (SS) gegründet.

Deutschland am 9. November 1926: Nationalsozialisten entfernen vor dem Leipziger Gewandhaus das Denkmal des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy. Der Oberbürgermeister der Stadt tritt daraufhin aus Protest zurück.

Deutschland am 9. November 1938: Die Nationalsozialisten inszenieren die Novemberpogrome und bezeichnen die Ereignisse in der Nacht vom 9. auf den 10. November schamlos als „Reichskristallnacht“. SS- und SA-Mitglieder ohne Uniform begehen Ausschreitungen gegen jüdische Mitbürger und jüdische Geschäfte. Damit beginnt die offene Verfolgung jüdischer Bürgerinnen und Bürger.

Deutschland am 9. November 1948: Der Krieg ist vorbei. Die Berlin-Blockade besteht. Der Berliner Oberbürgermeister Ernst Reuter hält vor der Ruine des Reichstagsgebäudes eine Rede. Sie ist nicht zu verwechseln mit der berühmten Rede „Ihr Völker der Welt, … schaut auf diese Stadt.“, die er zwei Monate zuvor gehalten hatte.

Die Bundesrepublik Deutschland am 9. November 1967: Während der Amtseinführung des neuen Rektors der Hamburger Universität entfalten anwesende Studenten ein Banner mit dem Spruch: Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren. Diesen Spruch wurde zum Symbol der 68-er Bewegung.

Die DDR am 9. November 1989: Die Berliner Mauer fällt. Damit wird der Weg für die Wiedervereinigung frei.

 

Rostock im November und Dezember 1918

Am 6. November 1918 legten Torpedoboote aus Kiel im Warnemünder Hafen an. Die revolutionären Matrosen und Marinesoldaten berichteten vom Kieler Matrosenaufstand, der sich über das ganze Land ausgebreitet hatte. Die Werftarbeiter gingen daraufhin sofort in den politischen Streik. Die Soldaten setzten ihre Offiziere ab. Am 9. November entstand in Rostock der Arbeiter- und Soldatenrat. Doch erst nach einer Massenversammlung und einem gemeinsamen Demonstrationszug  zum Neuen Markt erklärte sich der Rostocker Rat bereit, mit dem Arbeiter- und Soldatenrat zusammen zu arbeiten und die Stadtverfassung zu reformieren.

In ihrem Aufruf vom 14. November 1918 forderten die Revolutionäre eine soziale Republik. Am selben Tag hatte der Mecklenburgische Großherzog abgedankt und begab sich nach Dänemark. Auf dem Rostocker Rathaus, dem Palais, der Post und dem Bahnhof wehten die roten Fahnen der Arbeiterbewegung. Der Machtkampf zwischen den Revolutionären und dem Rostocker Rat unter dem Bürgermeister Johann Paschen begann. Paschen war übrigens der letzte Wortführer des aus drei Bürgermeistern bestehenden Kollegiums. Am 29. Dezember 1918 wählten die Rostocker und erstmalig in der Stadtgeschichte die Rostockerinnen eine verfassungsgebende Versammlung.

Im Ergebnis dieser allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahl konnten sechs Frauen in die Bürgervertretung einziehen. Die SPD wurde stärkste Fraktion. Eine neue Stadtverfassung wurde ausgearbeitet und beschlossen und gleich wieder aufgehoben. In Schwerin hatte der neu gewählte Landtag gerade eine einheitliche Städteordnung verabschiedet, die auch für Rostock galt. Die Bürgervertretung sollte sich danach aus 66 Vertretern zusammensetzen und fortan Stadtverordnetenversammlung nennen. Der Rat sollte aus einem Bürgermeister sowie acht besoldeten und sechs unbesoldeten Stadträten bestehen. Bürgermeister wurde der bürgerliche Demokrat Dr. Ernst Heydemann. Schon Anfang 1919 stellte der revolutionäre Arbeiter- und Soldatenrat seine Tätigkeit ein. Die Zeit der Weimarer Republik begann. Die demokratischen Errungenschaften waren nicht von Dauer.

 

Rostock in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und der Novemberrevolution

Der Roman „Die Buddenbrooks“ von Thomas Mann erschien 1901 und war der literarische Abgesang auf das hanseatische Großbürgertum, dessen althergebrachte Kultur angesichts eines entfesselten Kapitalismus und Nationalismus endgültig verschwand. Die Welt des ehrbaren Kaufmannes zerbrach geistig und materiell in den Kriegen und Revolutionen der katastrophalen Moderne des 20. Jahrhunderts, in Lübeck nicht anders als in Hamburg oder Rostock.

In unserer Stadt waren die Jahre bis 1918 geprägt von einer erstarkenden Sozialdemokratie, die trotz der Sozialistengesetze (1878-1890) allmählich mehr Anhänger unter den Arbeitern und Angestellten gewann. 1902 errang der erste Sozialdemokrat einen Sitz in der Bürgervertretung der Stadt. Der Rechtsanwalt Dr. Josef Herzfeld wurde Mecklenburgs erster sozialdemokratischer Reichstagsabgeordneter. Die schlecht bezahlten Werftarbeiter bauten moderne Schiffe und bevölkerten die Kröpeliner-Tor-Vorstadt. Es kam zu großen Streiks, so bereits 1904 während des Baus des Warenhauses der Firma Wertheim. Die Arbeiter hielten zwanzig Wochen durch. Streikbrecher, etwa sechzig Mann, die aus Österreich kamen und unter Polizeischutz standen, konnten den Kampfeswillen der Bauarbeiter nicht brechen. Die Auseinandersetzung zwischen Arbeit und Kapital endete mit einer leichten Lohnerhöhung für die Arbeiter. Statt 42 wurden nun 45 Pfennige pro Stunde gezahlt. Gefordert hatte die Gewerkschaft 50 Pfennige.

Nur ein Jahr später begann der große Metallarbeiterstreik. Die Direktoren der Neptunwerft AG wollten die zugesicherten Akkordlöhne nicht zahlen. Die gesamte Belegschaft ging in den Streik und wurde ausgesperrt. Doch die Gewerkschaften wie auch die Rostocker Bevölkerung unterstützten die Streikenden und sammelten Geld für die Weihnachtsbescherung der Arbeiterkinder. Man postierte sich vor der Werft und auch am Bahnhof, damit die Werftleitung nicht ungesehen Streikbrecher einschleusen konnte. Als Aufträge an eine Hamburger Gießerei vergeben werden sollten, lehnte diese ab; die Hamburger wollten ihren streikenden Kollegen nicht in den Rücken fallen. Der Streik aber endete ergebnislos und für viele Arbeiter mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes, weil die Gewerkschaften das Streikgeld nicht mehr zahlen konnten und die Werftleitung Rache nahm.

Die Rostocker Sozialdemokratie warnte frühzeitig vor der heraufziehenden Kriegsgefahr und lud Wilhelm Pieck ein. Der sprach zwar vor einer überfüllten Versammlung, doch seine Warnung verhallte ungehört, in Rostock wie im ganzen Kaiserreich. Die Reichstagsfraktion der Sozialdemokraten stimmte letztlich für die Kriegskredite. Man wähnte das Vaterland in Gefahr. Die Rostocker Bürger und auch ein Teil der kleinbürgerlich verfassten Arbeiterschaft schrien Hurra und berauschten sich am überall gespielten „Heil dir im Siegerkranz“, nachdem Ende Juni 1914 in Sarajewo der Weg in den Weltkrieg freigeschossen worden war. Schon am 2. August war Mobilmachung in Rostock. Viele waren begeistert, andere verängstigt. Was würde mit den Spareinlagen geschehen, war das Papiergeld sicher? Der reaktionäre Rat forderte gemäß dem Untertanengeist jener Zeit die Rostocker Bevölkerung auf, vor allem Ruhe zu bewahren und den Anweisungen Folge zu leisten.

Der Krieg begann mit Not-Reifeprüfungen an den Gymnasien und zahlreichen Kriegs-Trauungen. Pferde wurden ausgehoben, Lazarette eingerichtet. Die ersten sechshundert freiwilligen Schüler und Studenten zogen an die Front. Mit jedem Kriegsjahr aber wurden die Todeslisten in den Rostocker Zeitungen länger, wurde der Hunger trotz Brot- und Fleischmarkten größer, kamen mit dem „Steckrübenwinter“ 1916/1917 Diphterie und Typhus in die Stadt. Menschen starben. Die Rostocker hungerten und froren, denn Kohle und Gas waren knapp geworden. Die Kinder gingen kaum noch zur Schule. Im Barnstorfer Tierpark verhungerten die ersten Tiere, weil es kein Futter mehr gab. Die 700-Jahr-Feier ließen die Stadtoberen ausfallen, denn die Revolution stand vor den Stadttoren.

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