Februar 2017 Tag zurueck 24.

01.03.2016 - 08:12 | Region | Stadtleben > Bildung  > Lesewürmer am Start

Zugang zur Sprachvielfalt

An vielen Schulen in und um Rostock hat der 15. regionale Lesewürmer-Vorlesewettbewerb begonnen. Der Physiker Bodo Sengebusch hat 1959 den ersten Bundeswettbewerb im Vorlesen gewonnen. Frank Schlößer sprach mit ihm.

das-ist-rostock: Bodo Sengebusch, wie alt waren Sie, als Sie den Endausscheid in Frankfurt gewonnen haben?

Bodo Sengebusch: Ich war 13 Jahre alt, damals also in der 7. Klasse. Heute findet die Teilnahme mit jüngeren Kindern statt.

das-ist-rostock: Wissen Sie, was Sie gelesen haben?

Bodo Sengebusch: Natürlich. Das war die Episode aus „Tom Sawyer“, in der er sich dafür bezahlen lässt, dass seine Freunde den Zaun streichen. Eine Arbeit, zu der eigentlich er von seiner Tante Polly verdonnert wurde. Aber er schafft es ganz geschickt, faul in der Sonne zu liegen und nichts zu tun. Weil er seinen Freunden vermitteln kann, dass es ganz toll ist, einen Zaun zu streichen.

das-ist-rostock: Waren Sie von den Lehrern „beraten“, sich die Stelle auszusuchen?

Bodo Sengebusch: Nein, das kam von mir. Heute ist das häufig anders. Aber das liegt auch daran, dass heute viele Kinder gar nicht mehr so viele Bücher besitzen. Ich habe bei den Wettbewerben in Berlin gesehen, dass diese Beratung durch die Lehrer ganz hilfreich sein kann – vor allem dort, wo die Kinder durch ihr Umfeld nicht unbedingt an Bücher herangeführt werden. Man muss oft auch die Eltern dafür öffnen: Lesen fördert die Phantasie der Kinder. Wer liest, der versetzt sich in komplexe Figuren hinein und den Lesern werden Vorbilder nahegebracht, die ihre Abenteuer ganz anders bestehen als die Helden in den Computerspielen. Dort sind die Konfliktlösungen ja sehr einseitig angelegt – mit Machtstreben und Gewalt.

das-ist-rostock: Macht es einen Unterschied, ob man leise liest oder laut vorliest?

Bodo Sengebusch: Ich denke schon. Beim lauten Vorlesen entwickelt sich die Artikulationsfähigkeit besser. Wenn man in einer Gruppe vorliest – vielleicht auch nicht mal in der Schule, wo es oft eine Pflicht ist – dann ist es ein intensives Erlebnis: Man merkt, wenn die Zuhörer lachen, man kann sich darüber unterhalten oder eigene Kommentare unterbringen. Das ist durchaus sinnvoll, weil man für sein Buch werben kann. Außerdem ist es eine intellektuelle Herausforderung, etwas zu vermitteln und dabei zu reagieren. Das kann man im Leben immer gebrauchen. Bei den Berliner Vorlesewettbewerben gibt es auch ein kurzes Gespräch, und dabei merkt man dann schon, ob der Schüler eine eigene Beziehung zum Text hat.

das-ist-rostock: Welche Rolle spielte das Lesen in Ihrer eigenen Kindheit? Waren Sie ein Stubenhocker?

Bodo Sengebusch: Nein. Ich hab das Glück, dass ich immer schon mit recht wenig Schlaf auskomme. Ich hab auch Leistungssport gemacht – Trampolinspringen. Ich war oft beim Training. Aber ich durfte immer abends im Bett lesen so lange ich wollte. Ich musste mir also keine Taschenlampe anschaffen. Ich hab pro Woche immer drei bis vier Bücher gelesen. Das gehörte dazu.

das-ist-rostock: Was hat das Lesen mit Ihnen gemacht?

Bodo Sengebusch: Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit, ich durfte alles machen was ich wollte. Aber weil ich sehr früh zum Lesen gekommen bin und Spaß daran hatte, hat es meine Aufnahmefähigkeit in der Schule deutlich verbessert. Das hat mir die Schule leicht gemacht, glaube ich. Ohne das Lesen wäre vieles ganz anders gekommen.

das-ist-rostock: Machen die Smartphones die Sprache kaputt?

Bodo Sengebusch: Dieses Nachrichten-Tippen bei SMS und Whatsapp reduziert die Sprache drastisch, Rechtschreibung und Zeichensetzung spielt keine Rolle mehr – Hauptsache, die Nachricht kommt an und wird verstanden. Für jemanden, der außerdem viel liest, ist diese Reduzierung auch kein Problem. Ich kenne aber etliche Fälle, in denen Ausbildungsverhältnisse abgebrochen wurden, weil die Jugendlichen kaum noch anders kommunizieren konnten – zum Beispiel im Kundenverkehr. Dort wurde Kommunikationsfähigkeit, Rechtschreibung, Textverständnis abverlangt – und das war nicht vorhanden. Weil ihre Sprache darauf angelegt war, nur den persönlichen Alltag zu bewältigen. Vor den vielen anderen Möglichkeiten, die ihnen das Leben bieten konnte, steht dann erstmal eine Sprachbarriere. Lesen bietet den Zugang zu dieser Vielfalt. Deshalb ist es unabdingbar.

das-ist-rostock: Derzeit kommen viele Flüchtlinge nach Deutschland, aus Ländern, in denen das Lesen nicht zum Alltag gehört. Wie kann man denen das Lesen nahe bringen? Und kann es ihnen helfen?

Bodo Sengebusch: Da muss man bei den Kindern ansetzen. Ich engagiere mich in Berlin immer wieder beim Vorlesewettbewerb, hier gibt es Schulklassen mit einem hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund. Wichtig ist, dass die Erwachsenen dafür sorgen, dass ihre Kinder die Literatur und die Leselust entdecken können – auch wenn sie selbst keinen Zugang dazu gefunden haben. Ich habe immer wieder gesehen, dass die Kinder, die gern und viel lesen, sich viel schneller integrieren. Aber auch mit mehr Selbstbewusstsein die Kultur ihrer Länder vertreten.

das-ist-rostock: Wie groß ist heute Ihre Bibliothek?

Bodo Sengebusch: Das müssten zwischen 3000 und 4000 Bücher sein. Darunter natürlich auch der Tom Sawyer – samt dem Lesebändchen mit dem Schweinchen, das ich als Talisman bekommen habe. Viele Kinderbücher habe ich verschenkt, ich lese immer noch gern vor – und da können auch ein paar Kindergedichte dazwischen sein.

das-ist-rostock: Was liegt gerade auf Ihrem Nachttisch?

Bodo Sengebusch: Das „Kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun. Ich habe vor einiger Zeit das Theaterstück gesehen und entdecke jetzt diesen skurrilen Text für mich. Großartig.

das-ist-rostock: Bodo Sendebusch, danke für das Gespräch.

HINTERGRUND

Die Vorlesewettbewerbe für den 15. Lesewürmer-Endausscheid für Grundschüler in Hansestadt und Landkreis Rostock beginnen!

Am Donnerstag, dem 30. Juni, und Freitag, den 1. Juli 2016, findet wieder der Endausscheid des 15. Lesewürmer-Vorlesewettbewerbes für Grundschüler in Hansestadt und im Landkreis Rostock statt. Aber vorher, von Februar bis Juni diesen Jahres finden in den Grundschulen in der Hansestadt und im Landkreis Rostock Vorausscheide statt, in denen die Klassen- und Schulsieger in den vier Klassenstufen ermittelt wurden. Die Jurygestaltung und die Auswahl der Texte sind hierbei den einzelnen Grundschulen überlassen. Zum Lesewürmer-Endausscheid kommen die jeweiligen Schulsieger aus den einzelnen Klassenstufen zusammen.

Buchhändler Manfred Keiper, Lichtklangnacht-Musiker Wolfgang Schmiedt und Juliane Foth vom Literaturhaus rufen den Vorlesewettbewerb "Lesewürmer" aus. Foto: Frank Schlößer

Buchhändler Manfred Keiper, Lichtklangnacht-Musiker Wolfgang Schmiedt und Juliane Foth vom Literaturhaus rufen den Vorlesewettbewerb „Lesewürmer“ aus. Foto: Frank Schlößer

Der Minister für Bildung, Wissenschaft und Kultur Mathias Brodkorb hat die Schirmherrschaft für den 15. Lesewürmer- Vorlesewettbewerb übernommen und wird zum Endausscheid am 30. Juni erscheinen. Im Endausscheid werden die VorleserInnen jeweils durch eine dreiköpfige Jury bewertet, die – wie in den vorangegangenen Jahren – aus ihrer Arbeit in Bibliotheken, Schulen und als AutorInnen umfangreiche Kenntnisse und Erfahrungen mitbringen. Bewertet werden bei den Vorlesewettbewerben Lesetechnik, das Textverständnis und die Textgestaltung. Gekürt wird jeweils einE besteR VorleserIn in den Klassenstufen 1 bis 4.

Daran schließt sich ein zweites Jubiläum an: Die besten VorleserInnen erhalten die Möglichkeit, an einer Hörbuchproduktion für die Lichtklangnacht 2016 im IGA-Park Ende August mitzuwirken. Thema der diesjährigen Lichtklangnacht ist „Vom Fischer und seiner Frau – Das Meer – Die Gier – Die Liebe“. Das Hörspiel mit den Kindern wird erarbeitet unter der Leitung von Petra Gorr vom Volkstheater Rostock. Die Lichtklangnacht feiert ihr 10-jähriges Jubiläum, die Lesewürmer sind seit der zweiten Lichtklangnacht dabei, in diesem Jahr wird das neunte Lesewürmer-Hörspiel produziert. Das Märchen „Von dem Fischer un syn Fru“ stammt von Philipp Otto Runge, Uwe Johnson hat eine Nachdichtung verfasst.

Im Jahre 2002 haben die andere buchhandlung und der Waldemar Hof e.V. diesen Vorlesewettbewerb in Rostock initiiert, seit 2006 gehört auch das Literaturhaus Rostock mit zu den Trägern. Begonnen hat dieser mit den drei Grundschulen in der Rostocker Kröpeliner Tor-Vorstadt, in den vergangenen Jahr beteiligten sich bis zu vierzig Grundschulen aus der Hansestadt und dem Landkreis Rostock an dem Vorlesewettbewerb. Insgesamt wirken über 5000 Schülerinnen und Schüler aus dem Landkreis Rostock bei der Aktion mit. Diese Veranstaltung hat sich damit zur größten ihrer Art in Deutschland entwickelt.

Ermöglicht werden die Lesewürmer durch das Engagement unzähliger Lehrerinnen und Lehrer an den beteiligten Grundschulen sowie der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der drei Trägerinstitutionen. Es handelt sich dabei weitestgehend um ein privates und ehrenamtliches Engagement. Alle Trägerinstitutionen sind darüber hinaus in anderen weiteren Bereichen der Leseförderung aktiv.

Die drei Trägerinstitutionen finanzieren vor allem den Vorlesewettbewerb. Darüber hinaus haben in den letzten Jahren sowohl kleinere örtliche Unternehmen sowie verschiedene Kinderbuchverlage den Lesewürmer-Vorlesewettbewerb mit Geld- und Sachmitteln gesponsert.

(PRESSEMITTEILUNG)

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