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30.07.2016 - 13:05 | Stadtmitte | Stadtleben > Bildung Stadtleben  > Antirassismus-Schulung

„Wir sehen die Hautfarbe doch“

Dreimal im Jahr organisiert Patrice Jaeger Antirassismus-Schulungen für das Eine-Welt-Landesnetzewerk Mecklenburg-Vorpommern. In diesem Monat bereiste er privat die USA kurz nachdem in Minnesota und Louisiana erneut schwarze Männer während einer Verkehrskontrolle und anschließend weiße Polizisten in Dallas erschossen wurden. Die Reise hat für ihn auch ein neues Licht auf den Umgang mit Rassismus in Deutschland und Mecklenburg-Vorpommern geworfen.

Herr Jaeger, gibt es Unterschiede im Umgang mit Rassismus in Deutschland und den USA?

In den USA ist Rassismus ein Thema, das stärker im öffentlichen Raum präsent ist, worüber geredet wird. In Deutschland tun wir so, als gäbe es das nicht. Wir denken, die USA haben ein Problem mit Rassismus. Dabei sind die weiter als wir.

Aber wenn man die Nachrichten verfolgt, drängt sich genau dieser Rückschluss auf: Bei uns sind Schwarze bisher nicht bei Verkehrskontrollen erschossen worden.

Das stimmt, aber das liegt in erster Linie an der ganz anderen Eskalationstufe in den USA, die es bei uns glücklicherweise vor allem wegen des restriktiven Umgangs mit Schusswaffen nicht gibt. Der Polizist hat den schwarzen Mann in Miami bei einer Verkehrskontrolle erschossen, weil neben ihm eine Pistole lag. Bei dem Polizisten wurden sofort rassistische Bilder vom gewalttätigen schwarzen Mann abgerufen, dann hat er geschossen.

Wo sehen Sie Rassismus bei uns?

Wir denken, dass Rassismus ein Problem von Randgruppen ist, von Rechtsextremen. Tatsächlich lässt sich Rassismus in seiner gewalttätigen Form leicht identifizieren. Mir fallen da spontan die NSU-Morde ein, der immer noch ungeklärte Fall von Oury Jalloh, der auf mysteriöse Art und Weise in einer Zelle in Polizeigewahrsam starb, fast tägliche Anschläge auf die Unterkünfte von Geflüchteten in den letzten Monaten. Aber Rassimus hat auch eine andere Seite.

Welche?

In meiner vorherigen Arbeit habe ich ein interkulturelles Projekt in Kenia organisiert. Viele weiße Leute in dem Umfeld haben Rassismus von sich gewiesen, waren überzeugt „wir stehen ja auf der Seite der Guten“. Dabei haben wir rassistische Bilder im Kopf. Es ging uns darum zu helfen. Das beinhaltete, die Kenianer in ihrer Opferrolle zu belassen, sie strukturell zu bevormunden. Das waren keine Beziehungen auf Augenhöhe. Und so sehr ich mich über die Hilfsbereitschaft gegenüber den Geflüchteten freue, es gibt auch bei den Helfern immer wieder Irritationen. Wir wollen den armen Menschen helfen, die kommen. Aber die sollen dann auch bitterarm sein und unsere abgetragenen Sachen tragen und dafür dankbar sein. Und wenn dann einer einen 50 Euroschein rausholt und ein Taxi zum Hafen zahlt, das geht gar nicht.

Aber kann man das schon als Rassismus bezeichnen?

Ja. Das Problem ist, dass wir mit Rassismus im Alltag leben, er privilegiert uns. Wir sind nicht daran schuld, weil er strukturell angelegt ist und seit Jahrhunderten weitergegeben wird. Aber wir sind schon dafür verantwortlich das abzubauen.

Haben Sie konkrete Beispiele?

Schwarze haben schlechtere Chancen in der Schule, bei der Suche nach Ausbildungsplätzen und Wohnungen, ein größeres Risiko in Verkehrs- oder Ausweiskontrollen zu geraten, ein größeres Risiko sexistischen Übergriffen ausgesetzt zu sein, ein größeres Risiko für gewalttätige Übergriffe. In den USA gibt es die „affirmative action“, die Ungerechtigkeiten staatlich ausgleichen soll. Die regelt zum Beispiel, dass Universitäten bei gleicher Eignung Schwarze bevorzugt annehmen sollen.

In den USA ist aber die Hautfarbe ein großes Thema, da steht schon in den Bewerbungen, ob es sich bei dem Bewerber um einen Afroamerikaner oder jemand mit einer anderen ethnischen Herkunft handelt. Ist es nicht viel besser, das nicht zum Thema zu machen?

Wir tun so, also ob wir die Hautfarbe nicht sehen – aber wir sehen sie ja doch. Und verhalten uns dazu. Dann bin ich dafür, das auch offen auf den Tisch zu legen.

Das machen Sie in Ihren Schulungen?

Wir veranstalten die Schulungen gemeinsam mit einem professionellen Anbieter. Der Ansatz ist Rassismus als System zu begreifen. Es geht darum sich mit dem „Weißsein“ und den damit verbunden Privilegien auseinanderzusetzen. In Deutschland ist es für weiße Menschen noch sehr befremdlich, sich als weiß zu betrachten, weil wir uns selbst nicht so wahrnehmen. Es bringt uns nicht weiter, wenn wir uns in Diskussionen gegenseitig Rassismus unterstellen. Wichtiger ist es anzuerkennen, dass Rassismus existiert und wir alle darin eine Rolle haben. Also lasst uns reden und vor allem: zuhören. Das Training hilft dabei enorm. Die meisten Teilnehmenden sind politisch interessiert, viele arbeiten im pädagogischen Bereich und haben gemerkt, dass sie im Umgang mit nichtweißen Kindern und Jugendlichen unsicher sind.

Bewirkt das etwas?

Wir bekommen viel positives Feedback. Es geht natürlich darum, einen Prozess im Kopf anzustoßen, da geht nicht alles auf einmal. Und das ist erstmal auch schmerzhaft. Weil man entdeckt, dass man selbst von einem ungerechten System profitiert. Und weil man merkt, dass man selbst immer nur einen bestimmten Ausschnitt der Wirklichkeit sehen kann. Aber das ein bisschen zu erweitern, ist eben auch die Chance von diesen Trainings.

Warum ist das wichtig?

Es gibt viele aktuelle Beispiele, zuletzt der Amoklauf in München. Momentan wird diskutiert, ob sich der Täter seine Opfer aus rassistischen Gründen ausgesucht hat. Anfangs war die Sorge groß, dass es sich um einen islamistischen Anschlag handeln könnte. Diese Angst ist in unserer Gesellschaft gerade sehr präsent, aus verständlichen Gründen. Aber sie soll auch ein verschärftes Vorgehen gegen Menschen dunklerer Hautfarbe und eine restriktivere Politik rechtfertigen. Was selten erwähnt wird ist, dass unter den Opfern auch viele Migranten sind.

Die nächste Schulung findet vom 9. bis 11. September in Stralsund statt. Informationen, Kontakt und Anmeldung bei Patrice Jaeger, jaeger@eine-welt-mv.de; 0381-20 37 38 46.

 

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