März 2017 Tag zurueck 27.

25.02.2017 - 11:17 | Warnemünde | Sport > Ballsport  > Bernd Wunderlich zum 60. Geburtstag

„Wunder“ – das Hansa-Mirakel

Zwei Saisons beim FC Hansa Rostock reichten völlig aus, um Bernd Wunderlich in den Annalen des Vereins auf immer zu verewigen. Gestern wurde „Wunder“ 60.

Am 12. Dezember 1987 feierten die Hansa-Fußballer ein „Jubiläum“: Beim 2:3 in Riesa blieben die Rostocker im zehnten Spiel nacheinander sieglos. Ergo: Abstiegsplatz, Tristesse, von wegen Frohe Weihnachten! Was oder wer konnte wie noch helfen? Einer Götterdämmerung gleich kam jemand in Rostock auf die Idee, Bernd Wunderlich zu holen. Der trug das Trikot von KKW Greifswald.

Wo Mit- und Gegenspieler die Gemarkung des Spielfeldes als Status quo für kullernde Bälle sahen, erwachte in Bernd Wunderlich erst der Jagdinstinkt. Kaum einer, der so vehement wie er dem Leder hinterher jagte. Erst bei Vorwärts Stralsund, dann ab 1982 in der DDR-Oberliga beim FC Vorwärts Frankfurt/0. Sofort Aktivposten und Vizemeister 1983, in den Notizbüchern der Auswahltrainer präsent. Olympiamannschaft. Länderspieldebüt am 15. Februar 1984 in Athen gegen Griechenland (3:1) mit einem Wunderlich-Exempel: reingekommen, Gegner den Ball abgejagt, dem Mitspieler vorgelegt und mittelbar so das dritte Tor vorbereitet. Nach vier Jahren FCV der selbstbestimmte Abschied aus dem Oberhaus. Wie? Selbstbestimmt? Wider die Vorstellungen von Funktionären aus Sport und Staat? Wunderlich wurde gemaßregelt, aus dem Deutschen Turn- und Sportbund geworfen. Ein exzellenter Fußballer sollte in der Provinz nur noch tingeln dürfen. Die sportlich relativ gut situierte Liga-Truppe des KKW Greifswald nahm „Wunder“ auf.

„Ich wollte nicht“, reagierte Wunderlich auf die Avancen einer Rostocker Abordnung, die ihn Anfang 1988 zum FC Hansa holen sollte. Dann sei für ihn augenblicklich der Fußballsport vorbei, wurde ihm entgegnet. Soviel Rigorosität vereinfachte natürlich die Entscheidungsfindung. Wunderlich begann sein Hansa-Intermezzo am 5. März 1988 mit einem 2:0 gegen Wismut Aue. Aber die Hansa-Kogge irrlichterte sportlich immer noch im seichten Wasser. Erst ein 5:2 gegen den HFC Chemie (der selbst bis zur Pause schon 4:1 führen musste!) war die Initialzündung für ein großes, ja leidenschaftliches Aufbegehren des Vereins in der Meisterschaft. Wunderlich voran mit einer Armada an Klassespielern im Schlepptau.

Wunderlich war auf den Geschmack gekommen. Viele Hansa-Spieler kannte der gebürtige Stralsunder schon von Kindesbeinen an. Mit Frank „Wriedter“ Wriedt (ein respektabler Verteidiger mit den Maßen eines Kleiderschranks) aus Greifswald hatte „Wunder“ die Kogge wieder manövrierfähig gemacht: Neunter Platz am Ende der Saison 1987/88. „Wir waren ein verschworener Haufen“, verriet Wunderlich die Crew-Stimmung.

Wer wollte in der Erinnerung an jene Saison bezweifeln, dass sie eine der wichtigsten Serien in der Klubgeschichte des FC Hansa war? Nicht auszudenken wo der Verein heute stünde, wenn er vor 29 Jahren abgestiegen wäre… Die Klasse der Jarohs, Schulz, Schlünz, März oder Wahl blieb unbestritten, doch die Positionslichter der Kogge setzte Mentalitätsmonster Wunderlich. In der Saison 1988/89 gab es zwei Mannschaften, die für Furore sorgten: Meister Dynamo Dresden („für den Verein hätte ich auch gern gespielt“, so Wunderlich) und der FC Hansa als Vierter mit einer anschließenden EC-Renaissance nach 20 Jahren! Eine kaum für möglich gehaltene Leistungsexplosion, die prompt zwei Jahre später in die erfolgreichste Saison des Klubs (Meisterschaft und Pokalgewinn) mündete. Wunderlich war einer ihrer großen Vorreiter. Im Sommer 1989 ging er zurück nach Stralsund.

Wunderlichs bewegte Karriere schlug hohe Wellen. Hoch (Europacupspiele, Reisen, Auswahl. „Ich bin Mitglied des Bundes Deutscher Nationalspieler und sitze am 22. März in Dortmund beim Länderspiel gegen England auf der Tribüne – ein Traum!“) und runter (Olympiaboykott 1984 – „Deprimierend. Ich sollte damals in einer Frankfurter Zeitung schreiben wie richtig ich den Beschluss der Partei-und Staatsführung fand. Das konnte ich einfach nicht!“).

Seit 29 Jahren städtischer Angestellter in Stralsund, ein Vierteljahrhundert Trainer in vielen Vereinen, aktuell in Waren. Den Geburtstag heute feiert Bernd Wunderlich im kleinen privaten Kreis. Die große Feier gibt es im Mai. Für die, die einst seinetwegen oder mit ihm litten. „Das wird ein Fest“, freut sich „Wunder“ schon.

ANDERAS GOLZ

Artikel drucken

Schlagworte

Weitere aktuelle Meldungen

Zahn ausgeschlagen

Ein 55-jähriger Beamter der Rostocker Polizei wurde am Mittwoch gegen 19 Uhr Opfer eines körperlichen Angriffs durch einen alkoholisierten Täter. //weiter

Nonstop ans Rote Meer

Die Germania nimmt Hurghada als neues Ziel in den Sommerflugplan auf und fliegt zwischen dem 3. Juni 2017 und 30. September 2017 immer samstags nonstop von der Ostsee zu dem bekannten Badeort am Roten Meer. //weiter

Forschen und publizieren

Der Verein für Rostocker Geschichte vergibt am 1. März zum ersten Mal den Karl-Koppmann-Ehrenpreis. Aber wer war Karl Koppmann? //weiter

Hoffmann holt Hansas Heimsieg

Das goldene Tor von Marcus Hoffmann beendet eine fast fünfmonatige Heimmisere des F.C. Hansa Rostock. Mit dem 1:0 (0:0) Sieg gegen den Hallschen FC wird auch der erste Punktedreier des neuen Jahres durch den Rostocker Drittligisten eingefahren. //weiter

„Kürzungspläne sind skandalös“

Die Philharmonische Gesellschaft Rostock e.V. setzt sich seit 1994 für den Erhalt der Norddeutschen Philharmonie und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für das Orchester ein. Mit Bestürzung haben die Musikfreunde die Kürzungspläne der Stadt und des neuen Intendanten Joachim Kümmritz zur Kenntnis genommen. Der Vorsitzende der Philharmonischen Gesellschaft Dr. Thomas Diestel äußert sich dazu im Interview, geführt von Anette Pröber. //weiter

Arbeit am Leitfaden zur Bürgerbeteiligung beginnt

Alle Einwohnerinnen und Einwohner sind herzlich eingeladen, sich während eines Bürgerforums am 6. März ab 19 Uhr in der Rathaushalle in den Prozess zur Erarbeitung eines Leitfadens bzw. eines Leitbildes zur Bürgerbeteiligung einzubringen. //weiter