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25.06.2016 - 14:35 | KTV | Kultur > Theater  > Candide-Premiere am Sonntag

Einmal nach Hause mit Voltaire

Diese Hatz durch sämtliche Grausamkeiten der Welt. Diese Versuche, seine User an jedem seiner Candide-Kapitel emotional zu beteiligen. Diese Distanz zu allem, was uns schön und wichtig sein könnte. War Voltaire online?

Natürlich nicht. Aber es scheint, als hätte er sich aus den viralen Youtube-Videos seiner Zeit ein Echtzeit-World-of-Warcraft-Game gebastelt, seine Avatare Candide (Christopher Diffey), Maitre Pangloss (Stefan Sevenich) und Cunegonde (Elena Fink) dort reinprogrammiert und schaut jetzt mal, was mit denen so passiert: Erdbeben in Lissabon 1755, dann geht es nach Spanien, nach Montevideo, ins Goldland Eldorado, Konstantinopel, Venedig. Überall werden diverse Tode gestorben und danach wird – offensichtlich – einfach das nächste Leben angeklickt. Die Figuren wissen nicht so genau, wonach sie suchen oder wovor sie fliehen. Eine Dame (Jasmin Etezadzadeh) hat in ihrer Jugend eine ihrer Pobacken an Kannibalen verloren, es wird vergewaltigt und gehenkt, erstochen und erschossen, die Syphilis wird auf den Weg geschickt, mit Sklaven gehandelt. Insgesamt wird recht wenig geliebt, aber viel gevögelt. Kurz: Alles was das Internet heutzutage hergibt.

Das alles sind die Ideen von Voltaire. Natürlich gab es seinerzeit einige Gründe, den noch jungen Dichter 1717 für elf Monate in der Bastille einzuquartieren, doch vernünftiger scheint er deshalb nicht geworden zu sein: Candide schrieb Voltaire als 60-jähriger und natürlich landete der schmale Roman auf dem Index.

Candide (Christopher Diffey) in den Händen der gar nicht so edlen Wilden. Foto: Dorit Gätjen

Candide (Christopher Diffey) in den Händen der gar nicht so edlen Wilden. Foto: Dorit Gätjen

Jetzt also Candide als Musical von Leonard Bernstein auf der Bühne des großen Hauses, inszeniert von Johanna Schall. Eine großen roten Showtreppe bietet den Raum, um von Lissabon nach Paris, von dort aufs Schiff und weiter nach Montevideo zappen zu können. Zum Schauen gibt’s die Kostüme von Jenny Schall. Zu einer Musik, aus der – so Dirigent Manfred Hermann Lehner in seiner öffentlichen Einführung – schon über weite Strecken die West-Side-Story hervorscheint. In die Bernstein neben einem Heidenspaß auch noch jede Menge Ironie und Parodie gepackt hat. Aber genau wegen dieser wortwörtlichen Kurzwelligkeit fragt man sich irgendwann, wann und wie Voltaires Antwort auf alle philosophischen Welterklärungsversuche seiner und zukünftiger Zeiten kommt. Sie kommt – und sie ist in zwei Sätze zu fassen.

„Lieben wir uns so, wie wir jetzt sind.“

„Bestellen wir unseren Garten.“

Fragt sich nur, ob diese Weisheit sich auch zur Premiere vermittelt und ob Bernsteins Musik zu bewegen vermag.

Zu erleben ist die Premiere zu ungewöhnlicher Zeit: Am kommenden Sonntag, den 26. Juni, hebt sich um 18 Uhr der Vorhang im Großen Haus des Volkstheaters. Es gibt noch Restkarten.

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