Februar 2017 Tag zurueck 24.

22.01.2017 - 12:12 | KTV | Kultur > Theater  > Volkstheater wieder in der Spur?

Eine problematische Spielzeit

Der neue Intendant des Volkstheaters Joachim Kümmritz hat seine erste Spielzeithälfte fast hinter sich gebracht. das-ist-rostock.de traf ihn und seinen Schauspieldirektor Ralph Reichel zum Interview.

das-ist-rostock.de: Joachim Kümmritz, wenn Sie nach der nächsten Spielzeit im August 2018 die Intendanz des Volkstheaters weitergeben wollen, dann müsste die Stelle doch schon ausgeschrieben worden sein. Haben Sie etwas davon gehört?

Joachim Kümmritz: Diese Frage müssen Sie dem Oberbürgermeister stellen.

das-ist-rostock.de: Am Theater am Stadthafen wird wieder geprobt. Holen Sie es als Spielstätte ans Volkstheater zurück?

Joachim Kümmritz: Dort wurde im Januar nur für ein paar Wochen geprobt, weil uns am Großen Haus dafür der Platz fehlte. Das Theater im Stadthafen wieder zu öffnen, steht für mich jetzt nicht zur Debatte. Es ist aus wirtschaftlichen Gründen im Dezember 2013 geschlossen worden. Seitdem haben wir weniger Mittel, weniger Personal zur Verfügung. Wir sind gar nicht in der Lage, die Spielstätte wieder für das Publikum zu öffnen.

Ralph Reichel: Mit der Schließung des Theaters im Stadthafen wurde seinerzeit nicht nur Miete und Betriebskosten eingespart. Sondern vor allem Personal. Das fehlt immer noch.

das-ist-rostock.de: Wie weit sind Sie denn in dem Plan, weitere Orchesterstellen abzubauen?

Joachim Kümmritz: In der beschlossenen Zielvereinbarung gibt es eine feste Zuweisung bis 2024 – aus Mitteln des Landes und der Stadt. Und Bedingungen. Die heißen: Erstens: Es darf niemand entlassen werden. Zweitens: Es soll ein normaler Betrieb stattfinden. Drittens: Es werden keine Mittel nachgefordert – wir müssen mit den Zuweisungen auskommen. Deshalb bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sehen, wo es Stellen gibt, die aus Altersgründen frei werden. In der Technik funktioniert es nicht: Ich habe drei Bühnen, also brauche ich drei Requisiteure, zum Beispiel. Wenn das Schauspiel funktionieren soll, dann kann ich dieses Ensemble nicht noch weiter verkleinern. Das gleiche gilt für das Musiktheater. Wenn wir also – wie der Aufsichtsrat es fordert – im Jahre 2024 nur noch 250 Stellen am Volkstheater haben sollen, dann wissen wir heute, dass wir für das Orchester nur noch 59 Stellen zur Verfügung haben. Das schränkt natürlich das Repertoire ein. Aber es gibt nur diese Stellschraube.

das-ist-rostock.de: Wir haben also weiter ein A-Orchester, das eigentlich mit mindestens 99 Stellen besetzt sein müsste – und im Jahre 2024 tatsächlich die Größe eines C-Orchesters hat?

Joachim Kümmritz: So sieht’s aus. Das ist aber typisch für Deutschland, solche kleinen A-Orchester gibt es überall. Daran ist auch die Regelung in den Tarifverträgen schuld, dass eine Einstufung als A-Orchester nur mit Zustimmung der Musiker zurückgenommen werden kann. Das tun sie verständlicherweise nicht, denn ihr Gehalt als Musiker in einem A-Orchester ist höher. Diese Regelung gibt es nun mal. Also gibt es auch noch kleinere A-Orchester.

das-ist-rostock.de: Heißt das auch, dass es keinen neuen Generalmusikdirektor geben wird?

Joachim Kümmritz: Das ist letztlich eine Entscheidung des Orchesters. Das Orchester hat sich entschieden, in Zukunft mit Hans-Michael Westphal, dem langjährigen Solofagottisten der Norddeutschen Philharmonie, als Orchesterdirektor zusammenzuarbeiten. Wenn es bei den Musikern neue Überlegungen geben sollte, dann muss man darüber reden. Auch darüber, wie wir das finanziell darstellen – innerhalb der Grenzen, die uns die Zielvereinbarung setzt.

das-ist-rostock.de: Mit Sewan Latchinian war auch das Puppenspiel zurückgekommen ans Volkstheater. Gibt es dazu Überlegungen von Ihnen?

Joachim Kümmritz: Wir arbeiten daran – mit dem Landesverband Freie Theater. Der besteht ja zum großen Teil aus Puppenbühnen. Ab der kommenden Spielzeit wird es wohl jedes Wochenende eine Vorstellung für Familien und in der Woche eine Vorstellung für Kindergartengruppen und Schulklassen geben. Am Landestheater in Neustrelitz bieten wir dies so an, in Schwerin ist dieses Konzept seit Jahren erfolgreich. Meine fest engagierte Puppenspielerin verließ das Schweriner Theater. Ich musste mir was einfallen lassen. Also hab ich freie Puppenbühnen regelmäßig ins Haus geholt, denn natürlich ist dieses Angebot für die Jüngsten wichtig in einem Stadttheater. Jetzt lebt das Puppenspiel in Schwerin von der Vielfalt. Denn alle diese freien Bühnen haben natürlich eine eigene Handschrift.

das-ist-rostock.de: Sie haben in der laufenden Spielzeit viele Stellen mit Leuten besetzt, die ihre Verträge mit Sewan Latchinian geschlossen haben. Wie gehen Sie damit um?

Joachim Kümmritz: Wie es am Theater üblich ist  bei befristeten Verträgen für Mitarbeiter im künstlerischen Bereich, die  zehn Monate vor ihrem Auslaufen verlängert oder eben nicht verlängert werden. Wir haben uns von sieben Kollegen getrennt, dafür gab es subjektive Gründe, so etwas kommt vor. Nebenbei: Es hat darauf ein starkes Medienecho gegeben. Fast zeitgleich wurden bei einem großen regionalen Unternehmen (*) knapp siebzig Stellen abgebaut – die sieben nicht verlängerten Verträge am Volkstheater aber standen im Blick der Öffentlichkeit. Grundsätzlich ist es so: Wir sehen uns an, was das Theater braucht und welche Ambitionen die Kollegen haben – ganz unvoreingenommen. Wenn das zusammenpasst, dann halten wir die Kollegen am Haus. Ich halte es für eine Unsitte, dass bei Intendantenwechseln auch  große Teile der Ensembles mit ausgewechselt werden. Es steht natürlich außer Frage, dass die laufende Spielzeit problematisch ist. Es waren Verträge geschlossen und Absprachen getroffen worden, die wir einhalten, anderes war noch offen und zu klären. Gleichzeitig hatten wir sofort die darauffolgende Spielzeit vorzubereiten. Das war und ist ein schwieriger Zustand. Wo andere 24 Monate hatten, um einen Spielplan zu machen, da hatte ich zwei Tage. Da habe ich natürlich auf die vorhandenen Dinge und die Ideen der Theaterleute aus dem Haus zurückgegriffen: Was habe ich? Was kann ich damit machen? Wir haben gemeinsam auf der großen Bühne  „Paris, Paris“ auf die Beine gestellt, die „Spur der Steine“, den „Messias“, das Weihnachtsmärchen und jüngst „Zar und Zimmermann“. Viele andere Projekte wären noch aufzuzählen.

das-ist-rostock.de: Was planen Sie denn für die nächste Spielzeit?

Joachim Kümmritz: Ich rede nicht gern über ungelegte Eier. Wenn wir die Planungen für die nächste Spielzeit beendet haben, stellen wir sie vor und dann wird auch erkennbar, wohin sich das Volkstheater Rostock entwickeln wird. In dieser Spielzeit werden wir noch die Premieren von „Shockheaded Peter“ haben – am 3. Februar im Großen Haus – als erste Inszenierung der Reihe „Die unartigen Kinder“. Dann folgen der „Käfig voller Narren“. Und „Emilia Galotti“ – wieder eine Kooperation mit dem Berliner Theater in der Parkaue.

Ralph Reichel: Am 6. Juli  wird das Stück über den Rostocker Reformator Joachim Slüter Premiere haben. An diesem Tag eröffnet  das Kulturhistorische Museum die Ausstellung zur Reformation in Rostock  und das Volkstheater spielt anschließend in der Universitätskirche und im romantischen Innenhof des Klosters Zum Heiligen Kreuz  die Uraufführung des Stücks von Holger Teschke. Ein gutes Beispiel für eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit der Stadt und ihren Institutionen. Wir hoffen, dass wir da anknüpfen können. In diesem Jahr wird es übrigens wieder Sommertheater in der Halle 207 geben. Wir bereiten drei Theaterproduktionen vor: Musiktheater, Tanz, Schauspiel. Und Konzerte der Norddeutschen Philharmonie werden in der Halle zu erleben sein.

das-ist-rostock.de: Überdachtes Sommertheater?

Joachim Kümmritz: Wesentlich am Sommertheater ist ja nicht das Open-Air. Sondern der Eventcharakter dieses Angebotes. Das hat auch in Rostock schon gut funktioniert. Die Leute sind in die Halle gekommen, sie haben nicht nur die Inszenierungen angenommen, sondern auch diesen besonderen Platz am Wasser mit seiner Industriegeschichte. Daran kann man gut anknüpfen.

das-ist-rostock.de: Wie kommen Sie eigentlich mit der städtischen Kulturpolitik zurecht?

Joachim Kümmritz: Ich kann mit dem Gesellschafter, also mit der Stadt in Person des Oberbürgermeisters, alle Probleme besprechen. Ansonsten ist der Rahmen, in dem ich Entscheidungen treffen kann, durch Beschlüsse der Bürgerschaft gesetzt. Sollte die Bürgerschaft beschließen, uns zwei Millionen mehr zu geben, dann wissen wir, was wir damit anfangen können. So lange das nicht passiert, müssen wir mit dem auskommen, was wir haben. Ganz einfach.

das-ist-rostock.de: Haben Sie mal etwas vom Theaterneubau gehört?

Joachim Kümmritz: Ich hatte kaum hier angefangen, da hatte ich die Pläne auf dem Tisch. Seitdem haben die Gespräche nicht aufgehört. Jetzt geht um solche konkreten Fragen wie die Quadratmeter der Bühne, die Anzahl der Stimmzimmer, den Ballettsaal…

das-ist-rostock.de: Brauchen wir denn noch einen Ballettsaal?

Joachim Kümmritz: Ja, brauchen wir. Selbst wenn nach den derzeitigen Beschlüssen im Jahre 2019 die Tanzcompagnie abgewickelt wird, braucht das neue Theater natürlich einen Saal, in dem Tänzer proben können. Schließlich soll das neue Haus alle Sparten bedienen können.

das-ist-rostock.de: Wann werden denn die Pläne vorgestellt?

Joachim Kümmritz: Voraussichtlich werden wir im April die Raumplanung abgeschlossen haben. Im November oder Dezember können dann vermutlich die Ausschreibungen veröffentlicht werden. Das ist alles auf dem Weg.

das-ist-rostock.de: So viel Engagement ist bemerkenswert: Die nächste Spielzeit wird Ihre letzte in Rostock sein. Oder  etwa nicht?

Joachim Kümmritz: Ach wissen Sie, es scheint so, als ob mich derzeit noch niemand wirklich loswerden will. Aber egal, wie lange ein Vertrag läuft, ich hab Spaß und werde bis zum letzten Tag gern und ernsthaft arbeiten. Sie kennen ja den Satz mit dem Bäumchen, das man noch pflanzen würde.

das-ist-rostock.de: Und wenn Sie jemand fragen würde, ob Sie noch eine Spielzeit dranhängen?

Joachim Kümmritz: Dann würde ich erstmal gar nichts sagen (lacht).

das-ist-rostock.de: Joachim Kümmritz, Ralph Reichel, danke  für das Gespräch.

(*)  Joachim Kümmritz meint den Stellenabbau bei der Ostsee-Zeitung – Frank Schlößer

Artikel drucken

3 Kommentare

Kommentare

Weitere aktuelle Meldungen

Zahn ausgeschlagen

Ein 55-jähriger Beamter der Rostocker Polizei wurde am Mittwoch gegen 19 Uhr Opfer eines körperlichen Angriffs durch einen alkoholisierten Täter. //weiter

Nonstop ans Rote Meer

Die Germania nimmt Hurghada als neues Ziel in den Sommerflugplan auf und fliegt zwischen dem 3. Juni 2017 und 30. September 2017 immer samstags nonstop von der Ostsee zu dem bekannten Badeort am Roten Meer. //weiter

Forschen und publizieren

Der Verein für Rostocker Geschichte vergibt am 1. März zum ersten Mal den Karl-Koppmann-Ehrenpreis. Aber wer war Karl Koppmann? //weiter

Hoffmann holt Hansas Heimsieg

Das goldene Tor von Marcus Hoffmann beendet eine fast fünfmonatige Heimmisere des F.C. Hansa Rostock. Mit dem 1:0 (0:0) Sieg gegen den Hallschen FC wird auch der erste Punktedreier des neuen Jahres durch den Rostocker Drittligisten eingefahren. //weiter

„Kürzungspläne sind skandalös“

Die Philharmonische Gesellschaft Rostock e.V. setzt sich seit 1994 für den Erhalt der Norddeutschen Philharmonie und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für das Orchester ein. Mit Bestürzung haben die Musikfreunde die Kürzungspläne der Stadt und des neuen Intendanten Joachim Kümmritz zur Kenntnis genommen. Der Vorsitzende der Philharmonischen Gesellschaft Dr. Thomas Diestel äußert sich dazu im Interview, geführt von Anette Pröber. //weiter

Arbeit am Leitfaden zur Bürgerbeteiligung beginnt

Alle Einwohnerinnen und Einwohner sind herzlich eingeladen, sich während eines Bürgerforums am 6. März ab 19 Uhr in der Rathaushalle in den Prozess zur Erarbeitung eines Leitfadens bzw. eines Leitbildes zur Bürgerbeteiligung einzubringen. //weiter

Prügelei am Doberaner Platz

Am gestrigen Donnerstagabend gegen 19:30 Uhr gingen beim Notruf der Polizei mehrere Anrufe ein, wonach sich bis zu 30 Personen am Doberaner Platz schlagen sollen. //weiter