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09.07.2016 - 07:44 | Region | Kultur > Musik  > Pass over Blues mit "No fruits without roots"

„Wir machen das so, wie wir wollen“

In und um Rostock ist "Pass over Blues" seit Jahren eine wichtige Größe. Mit "No fruits without roots" haben sie wieder eine CD vorgelegt, die Lust darauf macht, die Band live im Konzert zu erleben.

Harro Hübner muss viele Hände schütteln bevor für „Pass over Blues“ die „Schicht“ beginnt auf diesem Sommerfest. Er ist bekannt in der Gegend um Rostock – weil er als Lehrer für Klavier und Gitarre in verschiedenen Grundschulen unterwegs ist. Sagt er. Dabei hat sich auch seine Band rumgesprochen. Der Titel ihrer neuen CD ist vielsagend: „No fruits without roots“ heißt die Scheibe. Kann man schon mal machen, wenn man sich über 25 Jahre fleißig ein Publikum herangebildet hat, das die Kompromisslosigkeit genauso liebt wie die Musiker. „Wir sind raus“, sagen die vier Herren selbstbewusst und meinen damit den kommerziellen Musikbetrieb. „Wir machen das so, wie wir wollen,“ sagen sie und spielen nur noch, was ihnen gefällt. Erdiger, direkter Blues passt nun mal nicht auf jede Bühne. Oder gar ins Radio.

Dabei beginnt die Geschichte von „Pass over Blues“ noch viel früher. Nämlich am 25. Dezember 1983. Da kam der junge Harro Hübner zu seinen Eltern und eröffnete ihnen, dass er nach Potsdam ziehen würde. Also: Jetzt gleich, nach dem Frühstück. Den Rucksack hatte er dabei. Aber der Junge war auch irgendwie komisch geworden, nachdem er diese Platte gefunden hatte: Für „Alexis Korner & Friends“ hatte Amiga Lizenzgebühren locker gemacht und nicht wenige Jugendliche in der DDR hörten aufmerksam zu: So kann Blues also auch klingen.

Ein paar Wochen zuvor hatte Harro Hübner in Heiligendamm die Band „Handarbeit“ gehört – und die kam seinem Ideal von gutem Blues schon ziemlich nahe. Vor allem: „Handarbeit“ sang englisch. Das konnten sie natürlich machen in der DDR. Aber sie bekundeten damit auch, dass ihnen der ganzen Musikbetrieb und das allgemeine Lechzen nach einer Amiga-Veröffentlichung ziemlich am Allerwertesten vorbeiging. „Handarbeit“ überlebte als Geheimtipp und Bandleader Roland „Rolli“ Beeg hatte schon 1968 den Blues bekommen – auch in politischer Hinsicht.
Harro Hübner ließ in Zukunft kaum eine Gelegenheit aus, um sich aus dem DDR-System der Förderung allseitig gebildeter sozialistischer Persönlichkeit zu verabschieden. Die richtigen Lieder gesungen bei der falschen Gelegenheit, zu frech gewesen, zu sehr raus gewollt. „Ich hab meinen Frieden damit gemacht“, übergeht er diese Erinnerungen heute kurz. Und doch hat er mit „What they said“ all denen einen Text gemacht, die immer noch meinen, in der „GDR“ sei irgendetwas besser gewesen als heute – in diesem Riesengefängnis.

Seine Ausreisepapiere bekam Harro Hübner am 8. November 1989, von der politischen Wende hatte er im Stasi-Knast nicht viel mitbekommen. Aber es muss ihm nicht schwergefallen sein, dieses Versprechen zu halten: Bis zum 10. November 1989 aus der DDR verschwunden zu sein. Was blieb, war die Musik. Und Rolli.

Gesang, Mundharmonika, Gitarre - Harro Hübner am Mikro. Foto: Frank Schlößer

Gesang, Mundharmonika, Gitarre – Harro Hübner am Mikro. Foto: Frank Schlößer

Als sich 1991 „Pass over Blues“ gründete, war Harro dennoch nicht dabei. Erst 1995 stieg er ein und damals war auch schon mal Lutz Mohri dabei, der bis heute den Bass bedient. Bis 2008 bildete der Blues den Soundtrack zu der wechselvollen Bandgeschichte, die ausführlich auf der Website der Band nachzulesen ist. Dort findet sich auch das erste Foto in der aktuellen Besetzung:  Es stammt aus dem Jahre 2008 und als Schlagzeuger ist der Belgier Michiel Demeyere dabei. Das liegt jetzt auch schon wieder acht Jahre zurück und die Blues-Stimme von Harro Hübner gehört jetzt ebenso dazu wie die Texte auf den Platten.

Tätige Gelassenheit ist eingekehrt bei „Pass Over Blues“. Die Zuschauer erleben auch bei den Konzerten eine reife Herrenrunde, die nicht nur ihr Handwerk versteht, sondern auch einen Humor bedient, der aus der Blues-Lebenshaltung kommt. Grundsätzlich ist „No fruits without roots“ hervorragend gelungen, clever abgemischt und ohne überdrehte Effekte, mit den Texten im Booklet, mit einem Cover, das Skulpturen aus der Hand des Schlagzeugers Michiel Demeyere zeigt, der sich auch als Bildender Künstler betätigt. Eine solche durchdachte Endproduktion ist heute keine Selbstverständlichkeit. Die Stimme von Harro Hübner scheint jedenfalls direkt aus New Orleans zu stammen und von ihr geht auch der Großteil der musikalischen Wirkung aus. So scheint doch ein englischer Ausdruck angebracht, um die Musik und den Gesang von Harro Hübner auf einen Punkt zu bringen: Straight.

Aber so sehr die Band ihr Publikum aus dem Bauch heraus direkt musikalisch erreicht, so sehr lohnt es sich auch, die Texte wirken zu lassen, die Harro Hübner inzwischen gelegentlich auf wieder auf Deutsch setzt. Die einfachen Rhythmen, die einfachen Melodien, die einfachen Wahrheiten. Blues eben.

Am Freitag, dem 15. Juli, gibt’s „Pass over Blues“ ab 20 Uhr im Hotel Polarstern in Kühlungsborn und am Samstag, dem 16. Juli, ab 20 Uhr im Hotel Ringelnatz in Warnemünde.

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