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07.11.2015 - 11:05 | KTV | Kultur > Musik  > Robert Beckmann von den "Inchtabokatables"

Lust auf Speed-Geige?

Im Jahre 2002 verabschiedeten sich die Punkrocker „The Inchtabokatables“ von ihren Fans. Auch der Frontmann und Heavy-Geiger Robert Beckmann ging eigene Wege. Sie führten ihn vor einigen Monaten nach Rostock. Jetzt bietet er seine Version einer Geigenschule an. Frank Schlößer sprach mit ihm.

das-ist-rostock.de: Robert Beckmann, wie hast du selbst Geige gelernt?

Robert Beckmann: Wie sich das gehört: Mit fünf Jahren. Bis ich 18 war. Damals lebte ich in Wismar, hatte ein Abitur und ein Musikabitur in der Tasche und hätte mit einem Solistenstudium in Dresden weitermachen können. Aber ich hatte von Klassik wirklich die Nase voll. Ich war froh, die Abschlussprüfung bestanden zu haben und endlich die Geige weglegen zu können.

das-ist-rostock.de: Hättest du nicht die Geige schon vorher weglegen können?

Robert Beckmann: Mein Lehrer hat es geschafft, mich bis zur Prüfung zu bringen. Mit den klassischen Methoden des Geigenunterrichts. Wenn sich die Eltern in den Kopf setzen, dass ihr vierjähriger Sohn mit 15 Jahren ein Geigen-Wunderkind sein soll, dann hat der Junge eigentlich keine Chance. Wer erst mit acht Jahren anfängt, der schafft es eben nicht zum Solisten. Weil sich die Ansprüche und die Lernmethoden bis heute nicht geändert haben. Aber die Zeit ist darüber hinweg gegangen. Der Alltag eines Kindes macht es heute sehr schwer, jeden Tag drei bis vier Stunden für das Geigentraining übrig zu haben. Das ist ein Sport, ein Hochleistungssport.

das-ist-rostock.de: Aber wenn es nicht anders geht?

Robert Beckmann: Das geht ja. Wenn man nicht den Anspruch hat, es unbedingt bis zur klassischen Meisterschaft bringen zu wollen, dann kann man relativ schnell und intuitiv Geige lernen. So dass man irgendwann kreativ mit den Möglichkeiten des Instrumentes umgehen kann. Man kann aus einer Geige den reinen klassischen Ton herausholen und sich bis zur Virtuosität entwickeln. Man kann sie aber auch kratzen lassen, für Rock und Punk und Folk, wo sie eben dreckig klingen darf. Merkwürdigerweise kommen viele der großen Geigenvirtuosen dort auch wieder hin. Man kann Elektronik dranhängen, sie mit dem Plektrum spielen. Die Gitarre gibt es doch auch in vielen Varianten – von der Klassik bis zum Speed Metal. Das geht auch mit der Geige.

das-ist-rostock.de: Warum hast du also mit 18 Jahren die Geige doch nicht weggelegt?

Robert Beckmann: Weil ich auch auf das Germanistik-Studium keine Lust mehr hatte, das ich 1989 an der Humboldt-Universität beginnen sollte. Ich war nach meinem Abi 1986 drei Jahre lang als Straßenmusiker unterwegs gewesen und das hat mir wirklich Spaß gemacht. Mit Narrenkappe und selbstgeschneiderten Mittelalter-Klamotten und immer unterwegs durch die ganze DDR.

das-ist-rostock.de: Wer sich an die Inchtabokatables erinnert, der erinnert sich auch an die Geige.

Robert Beckmann: Ja, ab 1991 hatten wir elf gute Jahre miteinander. Dabei war die Geige eigentlich aus der Not geboren, weil unser Gitarrist 1992 zwei Wochen vor einem wichtigen Konzert ausgestiegen war. Wir hatten nur drei Streicher zur Verfügung, mussten aber Passagen spielen, in denen es hart und laut werden musste. Also haben wir einen Verzerrer drangehängt, damit wir mit der Geige auch richtig Lärm machen konnten. Damit hatten die Inchtabokatables eigentlich ihren Klang gefunden.

das-ist-rostock.de: Warum hat‘s aufgehört?

Bis 2002 unterwegs mit Punkrock und einem speziellen Klang: Inchtabokatables. Foto: Philip von Recklinghausen

Bis 2002 unterwegs mit Punkrock und einem speziellen Klang: Inchtabokatables. Foto: Philip von Recklinghausen

Robert Beckmann: Unser Höhepunkt war 1994 die Platte „Ultra“, die wir bei Justin Sullivan von „New Model Army“ in London produziert haben. Das war eine Erfahrung, die lange nachgewirkt hat. Wir haben uns danach mit jeder Platte musikalisch weiter von dem entfernt, was die Fans von den Inchtabokatables kannten. Der Name war geprägt mit diesem Klang, aber wir wollten inzwischen etwas anderes. Also haben wir uns 2002 von den Fans verabschiedet. Danach hab ich am Theater Musik gemacht, in Magdeburg: „Paul und Paula“, „Clockwork Orange“ und vieles andere. Die Band „Grüßaugust“ haben wir 2010 gegründet. Und seit 2013 bin ich eben auch Geigenlehrer.

das-ist-rostock.de: Was gab den Ausschlag dafür, als Lehrer arbeiten zu wollen?

Robert Beckmann: Mein Freund Jockel hat einen Sohn, der hat damals mit 12 Jahren die Geige hingeschmissen. Ich hab ihn so gut verstanden, ich hab mich selbst wieder entdeckt, mit ging es ja genauso in dem Alter. Jahrelang Bogenführung geübt, dann Tonleitern und so weiter, die ganze restriktive Tour. Er ist dann auf Bass umgestiegen, das fand ich sehr gut.

das-ist-rostock.de: Wie alt sollte man denn sein, wenn man bei dir Geige lernen möchte?

Robert Beckmann: Völlig egal! In Berlin kamen auffällig viele Frauen um die Dreißig, die irgendwie Zeit für sich hatten. Die wollten es eben mal probieren. Eine Frau war dabei, die wollte ihrer Mutter nur ein Lied zum Geburtstag auf der Geige spielen. Dafür haben wir fünf Stunden gebraucht – es war ein einfaches Lied. Sie hat ihre Mutter überrascht, das war‘s. Ich lass mich ja auch pro Stunde bezahlen und die Unterrichtszeiten werden so gelegt, dass wir beide zurechtkommen. Ein Vierzigjähriger wollte auf der Geige die Titelmelodie für ein Manga-Computerspiel spielen können. Das haben wir hinbekommen. Wenn Kinder kamen, dann hatten sie oft eine Musikschulen-Frustration, sind ausgestiegen  und hatten aber verstanden, dass nicht das Instrument daran schuld ist. Oft kamen auch die Eltern zu mir, die frustriert waren über ihr ständig frustriertes Kind. Also: Es gibt die unwahrscheinlichsten Motive. Deshalb frage grundsätzlich erstmal, warum jemand Geige lernen möchte. Danach richte ich meinen Unterricht aus.

das-ist-rostock.de: Man muss also bei Dir nicht den Bogen gerade führen?

Robert Beckmann: Doch, irgendwann schon. Sonst geht es ja nicht weiter. Wenn ich merke, dass jemand Talent hat, dann motiviere ich auch gern. Aber entscheidend ist doch die Individualität des Schülers. Wenn es keinen Spaß mehr macht, dann kann man sich auch mal überwinden oder sich überreden lassen. Aber wenn die Freude nicht bald wiederkommt, dann kann man das Geigelernen auch gut wieder bleiben lassen.

das-ist-rostock.de: Robert Beckmann, danke für das Gespräch.

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