Februar 2017 Tag zurueck 22.

17.02.2017 - 18:41 | KTV | Kultur > Musik  > Interview mit Dr. Thomas Diestel

„Kürzungspläne sind skandalös“

Die Philharmonische Gesellschaft Rostock e.V. setzt sich seit 1994 für den Erhalt der Norddeutschen Philharmonie und die Verbesserung der Rahmenbedingungen für das Orchester ein. Mit Bestürzung haben die Musikfreunde die Kürzungspläne der Stadt und des neuen Intendanten Joachim Kümmritz zur Kenntnis genommen. Der Vorsitzende der Philharmonischen Gesellschaft Dr. Thomas Diestel äußert sich dazu im Interview, geführt von Anette Pröber.

Anette Pröber: Intendant und Stadt sind sich einig, in Rostock ein Vier-Sparten-Theater zu erhalten. Da die Deckelung der Ausgaben für das Theater per Landesvereinbarung festgeschrieben ist – so die Argumentation – müsse der Rotstift angesetzt werden. Die notwendigen Einsparungen sollen durch die Streichung von Orchesterstellen erreicht werden. Was sagen Sie dazu?

Dr. Thomas Diestel: Es ist einfach skandalös. Vor 20 Jahren haben wir 100 Jahre Städtisches Orchester mit 95 Musikern gefeiert. Im 120. Jahr soll das Orchester von 73 auf 59 Musiker schrumpfen, wird ein hochwertiges Ensembles kaputtgespart. Und das nicht in einer Zeit klammer Kassen, sondern angesichts von wirtschaftlichen Erfolgen und rund 260 Millionen Euro Haushaltsüberschuss im Land Mecklenburg-Vorpommern. Von Politikern der CDU und SPD hört man immer wieder, wie reich und glücklich die Deutschen sind. Deshalb ist es für mich nicht nachvollziehbar, warum es keine Dynamisierung von Kulturmitteln für Theater und Orchester im Land und in der Stadt gibt. Es wird ein wertvolles kulturelles Erbe aufs Spiel gesetzt. Werke von Bruckner, Schostakowitsch oder die 9. Sinfonie von Beethoven werden in Rostock mit einem Schrumpforchester nicht mehr gespielt werden können. Zumindest nicht mit gebotener Klangfülle und Qualität. Die Norddeutsche Philharmonie, die in Rostock regelmäßig vor vollem Haus gefeiert wird, hat einen guten Ruf über die Region hinaus. Weltberühmte Dirigenten und Solisten sind jedes Jahr in Rostock zu Gast. Das Orchester ist auch international unterwegs und eines der besten Aushängeschilder der Hansestadt. Die Norddeutsche Philharmonie spielt in der 1. Liga. Außerdem sind die Musiker regelmäßig in Schulen und Kindergärten und vermitteln humanistische Werte.

Anette Pröber: In der Öffentlichkeit wird kolportiert, dass nach Einsparungen in anderen Sparten nun erstmals auch das Orchester finanziell zur Kasse gebeten wird. Ist dem so?

Dr. Thomas Diestel: Nein, der jetzt gekündigte Haustarif für das Orchester sah bereits eine Kürzung der Gehälter aller Musiker unter der Maßgabe vor, dass die Zahl der Orchestermitglieder nicht weiter sinkt. Denn seit Jahren werden Stellen gestrichen, blutet das Orchester aus. Besonders dramatisch ist, dass drei Stellen für Solo-Instrumente derzeit nicht besetzt werden können, wichtige musikalische Arbeit bleibt liegen. Das Durchschnittsalter der Orchestermitglieder beträgt 55 Jahre. Gerade aus diesen Gründen hat die Philharmonische Gesellschaft eine Stiftung ins Leben gerufen, um junge Musiker nach Rostock zu holen und mit Akademie-Geldern zu unterstützen. Diese ehrenamtliche Arbeit wird durch die Beschlüsse der Stadt konterkariert.

Anette Pröber: Was werden Sie als Vorsitzender der Philharmonischen Gesellschaft jetzt unternehmen?

Dr. Thomas Diestel: Wir werden die Kürzungspläne nicht akzeptieren. Viele Rostocker haben mich und den Verein gebeten, starken Protest zu organisieren. Ich bin dabei, eine Petition ins Leben zu rufen, die in Schwerin übergeben werden soll. Ich gehe davon aus, dass sich viele Bürger beteiligen werden und wir so unserer Forderung Nachdruck verleihen, die Norddeutsche Philharmonie als renommierten Klangkörper zu erhalten.

PM Philharmonische Gesellschaft / Anette Pröber

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